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Gidon Kremer spielt Luigi Nono beim Musikfest der Alten Oper Frankfurt.

Frankfurt

Musikfest „Eroica“ in der Alten Oper: Bekenntnisse, Geheimnisse

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Das Musikfest „Eroica“ in der Alten Oper begibt sich anregend auch zu Nono, Poulenc, Weinberg und anderen.

Nicht allein um die 3. Sinfonie, die Eroica Ludwig van Beethovens geht es beim Musikfest der Alten Oper Frankfurt, sondern um Bekenntnismusik im Allgemeinen. Wobei sich im Bekenntnis-Portfolio nichts findet, was über den momentan bei uns gültigen Werte-Kanon hinausgeht.

Sogar für Beethoven selbst gilt das: Seine Produktion im Bekenntnis zur monarchischen Reaktion in den napoleonischen Befreiungskriegen bleibt unberührt. Beispielsweise das Schlachtengemälde „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria“, wo der Renegat die Bilanz des „Menschheitsdramas“ jenseits des Rheins nicht mehr goutiert und den Sieg der Entente über Napoleon als markante Raumklangmusik feiert. Ein gewendeter Freiheitskämpfer wie vielleicht später Luigi Nono, dessen klingende Abstandnahme von lateinamerikanischen Kampfliedern und Pariser Mai-Parolen manchen Anhänger des komponierenden KPI-Mitglieds in den 80er Jahren enttäuschte. Mit „La lontananza nostalgica utopica futura“ für Solo-Violine und eingespielte Klänge von 1988, das am Musikfest-Samstag im Mozart Saal geboten wurde, ging der Zug der Zeit bei Nono nicht mehr in eine kämpferische Zukunft, sondern nach innen. Dahin, wo der Komponist bei Hölderlin, Heidegger und Benjamin sein teutonophiles und messianisch schlagendes Herz entdeckte.

Gidon Kremer hatte dieses Raumklang-Gebilde uraufgeführt, das eine dreiviertelstündige Wanderung zwischen Notenpulten ist, die weit auseinanderstehen sollen. Jetzt musste man sich mit einer unpassenden Schrumpfung des Klang-Parcours auf das kleine Mozart-Saal-Podium begnügen. In den Großen Saal hätte die Aufführung gehört, wo die Klangbewegung mehr gewesen wäre als dieses geigerische Füßevertreten im Souterrain des Musentempels. In der Beletage wäre das Parkett zudem entsprechend schütter besetzt gewesen, was Nonos offene, erwartende, aber auch perspektivlose Halb-Sakralität treffend zur Geltung gebracht hätte. Und die Präsenz der Konzentrationskraft des 72-jährigen Kremer zweifellos vergrößert.

Auftritt des SWR-Vokalensembles

Vorher gab es, im ersten Konzert des Musikfest-Tages, einen Auftritt des SWR-Vokalensembles unter Leitung Peter Dijkstras. Zwei Werke Francis Poulencs, die in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung entstanden auf Texte Paul Éluards, waren in feinster Harmonik der Konsonanz und leicht säuernder, aber nicht expressiv zerrender Dissonanz gleitend ineinander übergehende Vokalflächen. Bei „Figure humaine“ ist das letzte Stück eine Art Libération-Litanei: ein ostinates und in der Klangtemperatur changierendes Perpetuum, das sich zu einer regelrechten Speerspitze verdichtet.

Einen noch extremeren Vokalwert weist „The Name Emmanuel“ (2017) des 60-jährigen Martin Smolka auf. Ein fesselndes Vokal-Fresko der Verkündigungsszene Mariens mit dem Engel. Irisierende Atmosphären, die sich in härtestes Gleißen auskristallisieren und das Empfängnis-Geheimnis als Klanggranit und zugleich als fluide Wortzeugung in pulsender Sanges-Lockerheit präsentieren. Eine unglaubliche Leistung nicht nur der im Äußersten geforderten Soprane des exzellenten Chors und seines Dirigenten.

Ton de Leeuws „Car nos vignes sont en fleur“ (1981) war eine lautmalerische und lautgestische Anverwandlung von Ausschnitten aus dem Hohelied Salomos.

Der Abend brachte „Chronicle of Current Events“, eine „multi-mediale Hommage à Mieczyslaw Weinberg“, jenes aus Polen vor der deutschen Wehrmacht in die UdSSR emigrierten Schostakowitsch-Freundes. Seine Musik wurde von der Kremerata Baltica, ihrem geigenden Namenspatron, der Sopranistin Ieva Parsa und dem Pianisten Georgijs Osokins in einem chronologischem Arrangement seines Schaffens geboten. In Verbindung mit vier Filmkapiteln, in denen wunderbar fotografierte und animierte Gesichts- und Körpertopografien (Video: Artem Firsanov, Valery Pechykin, Alexey Venzos) der Musik den Rang abliefen und sie zu filmmusikalischer Untermalung werden ließen.

„Eroica“-Musikfest der Alten Oper Frankfurt: bis 29. September. www.alteoper.de

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