Musik

In Zwischenwelten

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Das Ensemble Modern unter der Leitung von H.K. Gruber widmet sich erneut der Musik Kurt Weills.

Die Kleine Dreigroschenmusik ist eine Suite aus den größten Hits der Dreigroschenoper und hatte durchaus auch marktstrategisches Gewicht. Kurt Weill vermied allerdings den Terminus „Suite“, und seine Instrumentation vermied eine allzu klare klangliche Nähe zum Kammerorchester ebenso wie den bescheidenen Sound einer zeitgenössischen Großstadt-Tanzkapelle. Was er wollte, war die Überhöhung des Einen durch das Andere: eine kammermusikalische Version von Tanzmusik – und umgekehrt. Seine Musik findet einen Weg von feinsinnig abgestimmter, transparenter Eleganz und mitreißendem Schwung. Viel zu raffiniert und edel für Foxtrot. Viel zu intensiv rhythmisch markiert für irgend etwas aus dem E-Musik-Genre.

Eine Stunde bis zu den Hits

Wer könnte diesen täuschend leichtfüßigen idiomatischen Grenzgang zwischen den Musikwelten besser realisieren als das Ensemble Modern! Und wer hätte einen präziseren Sinn für die Eigenarten dieser Klangwelt als der Chansonnier, Komponist und Dirigent H.K. Gruber! Das neue Kurt-Weill-Album des Ensemble Modern ist dessen vierte Produktion unter Grubers Leitung und die zweite, die Kurt Weill gewidmet ist. Das Album lässt seine Hörer allerdings fast eine Stunde warten, bis die populären Dreigroschen-Stücke erklingen. Davor gibt es zunächst sechs Lieder, die das Mahagonny Songspiel repräsentieren, eine ungleich ambitioniertere Arbeit als der Dreigroschen-Gassenhauer und näher an der zeitgenössischen E- als an der U-Musik. Mit Winnie Böwe und Ute Gferer hat Gruber zwei stilsichere Vokalistinnen im Boot, die zusammen mit dem Vokalensemble amarcord den Mahagonny-Stücken einen fahlen, tiefen Glanz verleihen.

An den Mahagonny-Block schließt sich eine Wiederentdeckung an: die Chansons des Quais, Lieder und Zwischenmusiken zu dem Schauspiel „Marie Galante“ auf Texte (und nach einem Roman) von Jacques Deval. die Kurt Weill in seinem ersten Exil-Jahr in Paris schrieb, unter unsäglichen Arbeits- und Lebens-Bedingungen: getrennt von seinem in Deutschland beschlagnahmten Vermögen, abgeschnitten von seinem Berliner Biotop, geschieden von Lotte Lenya, geplagt von somatischen Symptomen ... Und dann wurde das Schauspiel, in dessen Musik er große Hoffnung investiert hatte, nicht einmal ein mittelmäßiger Erfolg und verschwand in der Versenkung. Aus der haben das Ensemble Modern und H.K. Gruber es jetzt erlöst. Das Ensemble amarcord entfaltet eine klangvolle und äußerst seriöse vokale Intensität, jenseits aller beiläufigen Kunsthandwerklichkeit, mit der man sonst zuweilen Schauspielmusiken zu hören bekommt.

Natürlich ist die achtteilige Kleine Dreigroschenmusik für Blasorchester eine geradezu emblematische Werkgruppe, zum Mitsingen schön. Zumal das kleine Blasorchester aus den Reihen des Ensemble Modern eine fein geschliffene, kristallin durchhörbare Inszenierung der Musik realisiert, die nichts von dem angeschrägten Schwung der zwanziger vermissen lässt, den man mit dieser Musik seit je verbindet. Kann sein, dass Weills Nachruhm sich nie mehr von der Dreigroschenoper erholen wird. Aber das macht nichts, so lange Gruber und das Ensemble Modern sich so angemessen um die Musik kümmern.

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