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Adele entzückt bei den Grammys.

Grammys

Zwischenmütterliche Beziehungen

Die Grammys, die wichtigsten Musikpreise der Welt, ziehen das Farblose wieder einmal dem Relevanten vor. Ein Gewinner lässt allerdings aufhorchen.

Von Christian Bos

„Ich kann diesen Preis unmöglich annehmen“, schluckauft Adele mit tränenerstickter Stimme, während sie den Grammy für das beste Album des Jahrs in der linken Hand wiegt. Warum sie den Preis nicht annehmen kann? „Die Künstlerin meines Lebens ist Beyoncé“, schluchzt die Britin, und überschüttet die Konkurrentin und deren Album „Lemonade“ mit Komplimenten. In der ersten Reihe lauscht die Familie Carter-Knowles tapfer lächelnd der Dankesrede, Jay-Z im Smoking, Beyoncé im weit ausgeschnitten roten Paillettenkleid, das sich eng an ihren Babybauch schmiegt, sie erwartet Zwillinge.

Auf der Bühne des Staples Center in Los Angeles spricht Adele derweil davon, wie sie nach ihrer eigenen Schwangerschaft gefürchtet hätte, sich selbst zu verlieren. Eine Mutter zu sein, das sei wirklich schwer. „Ich will, dass du meine Mommy bist, Beyoncé!“ Die sieben Jahre ältere Wahlmutter haucht ihr ein „Thank you“ zu, hach. Die im Vorfeld heraufbeschworene Schlacht der Diven bei den 59. Grammy-Verleihungen – beide traten in den wichtigsten Preiskategorien gegeneinander an – bleibt aus.

Angekündigt von ihrer Mutter Tina Knowles präsentiert sich Beyoncé bei ihrem Auftritt als Fruchtbarkeitsgöttin von kleopatra’schem Gepränge. Mit gesprochen Beschwörungen und psychedelischen Videoprojektionen wirkt ihre Show beinahe halluzinatorisch, als erscheine die Venus von Houston im Tempel.

Das will sie nicht vermasseln

Beeindruckend ist Adeles Hommage an George Michael. Mit einem in der TV-Übertragung ausgeblendeten „Fuck“ bremst sie ihre Balladenversion von „Fastlove“ aus. „Sorry, das darf ich ihm nicht vermasseln“, entschuldigt sich Adele, bittet für die Flucherei um Verzeihung, und setzt zu einer majestätischen Performance an. Doch all dieser perfekte Glamour und unperfekte Charme kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der wichtigste Musikpreis der Welt einmal mehr das Farblose dem Relevanten vorzog.

Obwohl Beyoncé neunmal nominiert war und ihr Album „Lemonade“ fast jede Jahresbestenliste anführte, musste sie sich mit zwei Preisen in zweitklassigen Kategorien zufrieden geben, während Adeles sagenhaft erfolgreiches, von der Kritik jedoch eher lauwarm aufgenommenes Album „25“ die drei wichtigsten Grammys – „Album of the Year“, „Record of the Year“ und „Song of the Year“ gewann. Ob die Grammys jetzt eine Kontroverse ähnlich dem #OscarsSoWhite-Hashtag erwartet, als den Academy Awards institutioneller Rassismus vorgeworfen wurde? Oder reiht sich diese jüngste Brüskierung in eine lange Tradition seltsamer Entscheidungen der Grammy-Jury zugunsten des Mauen ein?

Wie war das noch, als eine Akustik-Version von Eric Claptons „Layla“ an Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ vorbeizog? Oder sich Lionel Richies „Can’t Slow Down“ gegen Princes „Purple Rain“ durchsetzte? Am Sonntagabend ehrt Bruno Mars den toten Prinzen, indem er sich als dessen perfekter Klon ausgibt. Seine schiere Kunstfertigkeit bewahrt Mars vor einer Peinlichkeit, wie sie Lady Gaga 2016 im Andenken David Bowies auf die Grammy-Bühne brachte. Der hatte Zeit seines Lebens auch bloß einen regulären Grammy gewonnen, für ein längst vergessenes Musikvideo. Die Scharte ist nun ausgewetzt, für sein Album „Blackstar“ gewinnt Bowie posthum fünf Preise.

Vielleicht bewegen sich die Grammys ja doch noch auf die tatsächliche Gegenwart der Musikindustrie zu. In der sind Millionenverkäufe wie bei Adele die absolute Ausnahme. Die Zukunft gehört Künstlern wie Chance the Rapper, der als bester Nachwuchskünstler und dessen „Coloring Book“ als bestes Rap-Album ausgezeichnet wird. Das ist allerdings nie als Album erschienen, sondern nur als kostenlos zu streamendes oder herunterzuladendes Mixtape. Der 23-Jährige aus Chicago verzichtet auf einen Plattenvertrag, betreibt seine eigene Firma und hat es trotzdem – oder gerade deswegen – zum Star gebracht.

Und die Politik? Kommt in homöopathisch Dosen vor. Jennifer Lopez zitiert Toni Morrisons Beschwörung aus der Ära George W. Bush, wonach nun die Zeit gekommen sei, in der Künstler von Selbstmitleid, Schweigen und Furcht ablassen und sich an die Arbeit machen sollten. Katy Perrys Tänzer bauen Protest-Schilder. Und deutlich werden die HipHop-Veteranen A Tribe Called Quest, deren Gastrapper Busta Rhymes Trump als „President Agent Orange“ beschimpft, während Tänzerinnen in Hidschabs eine Mauer durchbrechen.

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