+
J Mascis.

J Mascis

Zwischen Wahwah und Gekuschel

  • schließen

Sanft wie nie: Mit J Mascis’ neuer Platte „Elastic Days“ in die Winternacht.

Dort, wo vor langer Zeit die Pocumtuc-Indianer auf die Jagd gingen, stehen heute Sofa und Gitarrenständer von Indie-Veteran J Mascis. Sein Studio ist gleich nebenan – als bekennender „Townie“ bleibt er gerne in gewohnter Umgebung. In der Geburtsstadt Amherst, Massachusetts ist naturgemäß auch „Elastic Days“ entstanden, sein neuer Solo-Wurf, seine Spätherbstplatte.

Kurz vor dem 53. Geburtstag lebt Mascis wie gewohnt: „Zwischen durchgetretenem Wahwah-Pedal und Akustikgitarre“ – so wurde es bereits vor drei Jahrzehnten verkündet. Noch immer existiert das von ihm in den wilden 80ern begründete Tornado-Trio namens „Dinosaur Jr.“. In deren Revier genießen Feedback und hochgedrehte Regler ewigen Bestandsschutz, wird das melodiöse Element auf Lärmverträglichkeit getestet. Wenn der Mann (der einst vom Schlagzeug zur Gitarre wechselte, die Dreschdynamik aber beibehielt) unter eigenem Namen werkelt, kehrt Ruhe ein.

Im Jahre 2018 ist der große Phlegmatiker klassisch wie nie zuvor. „Elastic Days“ bietet Folkrock oder Akustikpop oder wie immer es genannt werden möchte. Er reitet jetzt in leichtem Trab aus dem Städtchen, hat alle notwendigen Keiler- und Schießereien hinter sich gebracht, richtet sich südwärts, wo er ohne Probleme die Grenze überqueren wird. Wie immer im Hause Mascis ist der Auftakt („See You At the Movies“) gleich ein Hit. Nach exakt einer Minute geht die Elektrische rein, dann steigt der Gesang von Pall Jenkins zum Firmament, dem Falsett des weißhaarigen Häuptlings beistehend.

Er soll jetzt Gesangsstunden nehmen, habe ein neues Drum Set stundenlang und mit Freude bearbeitet. – Nachrichten, die aus Übersee in die Alte Welt gelangen, nebulös, Rauchzeichen. Wichtiger ist jedoch, wie gereift diese Songbauer-Kunst nun ist, wie virtuos hier zu Werke gegangen wird. Sparsam eingesetzt die Effekte, wohl ausgewählt die Gaststimmen. Ein Lob zudem der anbetungswürdigen Fender Jazzmaster: Was der Mensch nicht sagen kann, sagen die sechs Saiten.

Auf „I Went Dust“ – einem dieser geschmeidig-sanften Stücke – ist Sängerin Zoe Randell zu hören, die sich mit Mascis zunächst durch ein zartes Gewebe tastet, um nach zweieinhalb Minuten Teil eines Tempo aufnehmenden Gespanns zu sein. Auch „Web So Dense“ oder „Sky Is All We Had“ ändern die Richtung, entweichen so der drohenden Gefühlsduselei. Einmal darf es rhythmisch zupackend werden – und schon klingt Ken Maiuris Piano wie jene unverwüstliche Spitzhacke, die am Bahndamm auf Granit trifft.

Nein, heute muss es kein Riff-Gewitter sein. Heute stehen die Zeichen auf Dezember, wärmt das alte Teenage-Fanclub-Shirt nicht mehr. J Mascis hat von Stooges-Gitarrenheld Ron Asheton und Wipers-Chef Greg Sage alles Wesentliche gelernt, kann mühelos Hendrix, Gallagher und Neil Young sein. Mit ihm wollen wir uns heute hinüberwiegen in den Winterabend, einkehren in die warme Bärenhöhle, wo all die pelzigen Geschöpfe kuschelnd beieinander liegen.

Und uns erinnern, wie es war, damals, in dem bedeutsamen „Spex“-Zeitalter. Noch einmal eine Passage von Michael Ruff vor sich hinmurmeln: „Du verlierst dich entweder in Routine oder Katastrophen, wo du doch nur gern ein Cowboy wärst, der über den Rand der Welt reitet mit ‚Four Strong Winds‘ auf den Lippen.“ – Elastische Tage, fürwahr.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion