Komponist Van Dyke Parks

Zwischen Sicherheit und Zweifel

Ein wahrhaft seltenes Ereignis: Komponist Van Dyke Parks solo auf Tournee. Der Bühnenklang mag mager sein, aber vor dem inneren Ohr ersteht die Ragtime-Ära auf und das große Hollywood-Kino.

Von Thomas Wolff

Er polarisiert heftiger als jeder motzige Rapper, jede schwerpolitische Liedermacherin, dieser kleine, knuffige, eisgraue Mann aus Kalifornien. Warum das so ist - keine Ahnung; jedenfalls haben sich schon Freunde kopfschüttelnd von mir abgewandt, wenn ich ihnen die Musik dieses genialen Kompositeurs ans Herz legen wollte.

Ehefrau und Sohn verlassen demonstrativ das Zimmer, wenn Parks´ luxuriöse Orchester-Arrangements aus den heimischen Boxen schallen. Kurz, niemand wollte mitgehen zu diesem historischen Ereignis: Van Dyke Parks zum ersten Mal solo in Deutschland, nach Berlin auch im Frankfurter Mousonturm. Sie haben Großes verpasst.

Parks, 1943 in Mississippi geboren, repräsentiert die andere Seite der Hippie-Generation. Nach Woodstock fuhr er nicht, "weil ich ahnte, wie voll es würde und dass wahrscheinlich die Toiletten dort explodieren würden". Recht hatte er.

Parks war der rare Typ des linken Südstaaten-Dandys, zu eigenwillig in seinen Eigenkompositionen, um kommerziellen Erfolg zu haben, aber als Arrangeur weithin geschätzt, von Randy Newman und Ry Cooder über Grateful Dead bis zu Jungstars wie Danger Mouse.

Auf der kleinen Frankfurter Bühne verströmt er sofort diesen Charme eines Exzentrikers von Herzensbildung und Geschmack. Tapst in Slippern an seinen Flügel, breitet die Arme aus wie die Karikatur eines Musicalstars, lächelt Verzeihung heischend: Schon hat er die Getreuen - gerade mal 180 sind gekommen - auf seiner Seite, zumeist ältere Herren, manche mit originellen Hüten, ihre Freigeistigkeit anzuzeigen. Schön, mit 47 Jahren noch mal das Gefühl zu haben, den Altersdurchschnitt im Saal zu drücken.

Nicht so schön, neben Vorfreude auch erhebliche Anspannung zu spüren: Wie will unser Held das nur packen, seine ausschweifenden Arrangements live darzubieten, ganz ohne Streicher, Hörner, Chor, ohne die geliebten Steeldrums auch, die er in Trinidad entdeckte, lange bevor es den Begriff "Worldmusic" gab?

Hier und heute stehen ihm nur ein Kontrabassist, ein Gitarrist und eben sein Flügel zur Verfügung. Den traktiert er nach Kräften: Parks prankt vollgriffig in die Tasten, tremoliert, hämmert, pedalt mit wippenden Slippers, um irgendwie den fehlenden Orchesterklang zu kompensieren - und weiß doch: Es langt nicht hin.

Er packt es nicht, wie auch. Sein dünner Wackel-Tenor hilft da auch nicht wirklich, die Lücken zu füllen. Doch wie er über die kleinen Entbehrungen und Entgleisungen des Abends lacht, wie er herumalbert, seinen Begleitern Scherzworte zuruft, wenn sie sich in den meterlangen Partiturblättern verfransen: Das ist wahrhaft großartig. "Ich bin ein steter Wanderer zwischen Sicherheit und Zweifel", erklärt er den Zuhörern, "und wenn Ihr heute Abend ein wenig von diesem Zweifel mitnehmt, dann habt ihr schon mehr als den vollen Preis rausbekommen."

So kämpft sich das Trio tapfer durch die stürmischen Harmonie- und Tempiwechsel seines Solo-Repertoires, immerhin fünf Platten aus 40 Jahren, das letzte, gewissermaßen aktuelle Album ist ja gerade mal vor 20 Jahren erschienen. Vor der Reise nach Berlin und Frankfurt habe man ihn nach "neuem Material" gefragt, erzählt er amüsiert. Parks Antwort: "Würden Sie Moses etwa um ein elftes Gebot bitten?"

Die Musik spielt an diesem Abend ohnedies eher im Kopf von Parks, und wahrscheinlich auch in den Köpfen seiner Fans. Der Bühnenklang mag mager sein, aber vor dem inneren Ohr ersteht die Ragtime-Ära auf, das große Hollywood-Kino, die surrealen Klangbilder der Psychedelia-Zeit.

Am rundesten läuft der kleine Schaufelraddampfer unter Käpt´n Parks, wenn er nicht seine happigen Eigenkompositionen spielt, sondern Perlen der US-Musikhistorie vorstellt: Der "Delta Queen Waltz" des verstorbenen John Hartford rollt als stimmungsvoller kleiner Walzer von der Bühne; einer der wenigen Momente des Konzertes, bei denen man unfallfrei den Takt mitnicken konnte.

Aber die Musik ist nur der halbe Spaß an diesem Abend. Der Mann selbst ist ja das Ereignis. Ein altersweiser Herr, der seinen bübischen Humor nicht abgelegt hat.

Milde ist er und und spöttisch zugleich: Ja, er würde sogar George W. Bush einen Platz zum Schlafen anbieten, vielleicht die Garage, wenn der Ex-Präsident sonst nirgends mehr unterkäme - "aber lieber würde ich ihn in einem Hotel in Den Haag sehen". Dann spielt er seine heitere Ode an Roosevelt: "F.D.R. in Trinidad", und in Gedanken schwingen zwei Dutzend karibische Steeldrums mit, den großen Demokraten zu feiern.

Nach fünf Zugaben: noch mehr Van Dyke Parks. Unversehens hopst er von der Bühne, verteilt Kusshände und führt zwei der wenigen Damen galant an die Weinbar im Foyer. Dort verteilt er weiter Komplimente, herzt und scherzt mit seinen Anhängern, malt kleine Selbstporträts auf die Eintrittskarten.

Einen CD-Stand, an dem man signierwürdige Alben kaufen könnte, hat sich der Veranstalter erspart: Alle Anwesenden dürften die komplette Parks-Sammlung in doppelter Ausführung im Regal haben. Eine letzte Nettigkeit ruft er in die Runde: "In einem Jahr bin ich wieder da!" Dann müsst ihr mitkommen Freunde. Wenigstens einer.

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