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Spielten am Wochenende gleich zwei ausverkaufte Konzerte im Rhein-Main-Gebiet: KIZ (Archiv)

KIZ in Offenbach

Zwischen Erleuchtung und Nonsens

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Die Hip Hop-Band KIZ ist mit den Jahren deutlicher in ihren Texten geworden. Dass das dem Publikum nicht immer auffällt, ist bei Konzerten der Band allerdings kein Nachteil.

Als der Vorhang in der Stadthalle Offenbach fällt, ertönt das vermeintliche Motto des Abends: Die Berliner Rapkombo KIZ startet ihr Konzert mit dem Song „Urlaub fürs Gehirn“: „Ich trete nur auf die Quadrate auf'm Bürgersteig/ Ich glaube beim letzten Mal popeln, da war Gehirn dabei/ Dass wir Idioten sind, kann nicht sagen, dass es so nicht stimmt/ Ich werd' nur massiert und bin besoffen wie ein K?be-Rind.“ Wer nicht genau hinhört, kann in den folgenden zwei Stunden seinem Kopf genau eine solche Pause gönnen. Gerecht wird das KIZ aber nicht ganz.

Als die Band vor zwei Jahren ihr Album „Hurra, die Welt geht unter“ veröffentlichte, überschlug sich die Presse mit Lobeshymnen: Die Gruppe habe nach vier Alben voller Nonsens endlich eine künstlerisch ernstzunehmende Platte aufgenommen. Der gleichnamige Song wurde ein Hit: Eine romantische Ode auf das Ende der Welt, veredelt durch die Reibeisenstimme von Hennig May: „Drei Stunden Arbeit am Tag, weil es mehr nicht braucht/ Heut' Nacht denken wir uns Namen für Sterne aus/ Danken dieser Bombe vor 10 Jahren/ und machen Liebe bis die Sonne es sehen kann.“ Seitdem sind die Konzertsäle -ohnehin zuvor schon gut gefüllt- noch größer. Zwei ausverkaufte Auftritte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Offenbach und Frankfurt zeugen vom Erfolg von Maxim, Tarek, Nico und DJ Craft.

Wer aber erkennen will, dass es sich bei KIZ eben nicht einfach um eine Band handelt, die sich vom lyrischen Schwachsinn zu ernsten Themen hin entwickelt hat, muss bei dem Konzert genauer hinhören. Ihr Durchbruch mit ihrer letzten Platte liegt eher darin begründet, dass ihre Gesellschaftskritik nicht mehr unter meterdicker Ironie begraben liegt. Bei den älteren Songs ist an diesem Abend deswegen genaueres Hinhören gefragt: Wer will, kann in „Ich bin Adolf Hitler“ nur die stumpfe Provokation sehen: „Ich komm umsonst in den Club, denn ich bin Adolf Hitler/ Seiten-Scheitel-Swag, ja ich bin ein Hipster/ Häng grad im Ritz mit Karl Lagerfeld rum/ Wer mich disst, ist entartete Kunst.“ Oder kritisiert das Lied nicht einfach eine dumme Faszination des Diktators, die bis in Gegenwart ragt?

Für das Publikum ist der Unterschied an einem solchen Konzertabend unwichtig, die Party ist entscheidend. Der Fokus liegt ohnehin auf ihrem jüngsten Erfolgsalbum: In zwei Stunden kommt die Hitplatte fast vollständig zum Einsatz. Ältere Songs wie „Geld essen“, „Einritt“ oder „Raus aus dem Amt“ komplettieren lediglich die Setlist.

Das junge Publikum frisst KIZ damit aus der Hand: Da ist es nur konsequent, dass sich die vier Berliner als gottgleiche Führer inszenieren: Alle tragen eine Fantasiemilitärkluft, als meterhohe Statuen blicken sie von der Bühne in die Menge. Die Kritik an autoritären Regimes und dem Faschismus wird dadurch nicht nur textlich, sondern auch optisch deutlich. Die Hymne der Band zu ihrem Götterstatus heißt „Wir“: „Unendliche Weisheit und Körper aus Stahl/ Abertausende verlassen erleuchtet den Saal/ Ich bin kein Großkotz/ Ich bin bloß Gott.“ Wer nicht die Erleuchtung nach dem Konzert erreicht hat, hatte seinem Gehirn wohl zwei Stunden Urlaub gegönnt. Spaß macht die Band in beiden Fällen.

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