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Marlis Petersen und Iurii Samoilov als Hanna und Danilo, aber auch als Marlis und Iurii. Hinten wogt der Chor, rechts sieht man die Kamera.

Oper Frankfurt

Das ist der Zwiebel Kern

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Und wieder hat die Oper Frankfurt eine meisterhafte "Lustige Witwe" im Programm.

Der süßen Verlogenheit der Operette ist bei näherer Hinsicht weder mit Routine noch mit brachialen Gegenmaßnahmen beizukommen. Das hat damit zu tun, dass vor der süßen Verlogenheit der Operette eine Schicht reine Süße liegt, und dann kommt erst die Verlogenheit, und hinter der Verlogenheit liegt eine Schicht Selbstironie – die Operette ist kein Groschenroman, die Operette weiß, was sie da unternimmt: flunkern und träumen, Showbiz.

Und hinter der Selbstironie liegt vermutlich eine Schicht Sehnsucht – und Sehnsucht ist nicht das gleiche wie Verlogenheit –, und hinter der Sehnsucht liegt eine Schicht Wahrheit, denn wer könnte behaupten, es gäbe garantiert keine Liebe und kein Glück. Zumal in den meisten Operetten, seien wir ehrlich, die Sicherheiten über eine walzer- und alkoholselige Ballnacht eh nicht hinausgehen (denn merke: Die Operette hört nicht zum ersten Mal, dass die Welt nicht so erfreulich ist wie sie, und sie braucht in dieser Hinsicht keine Belehrungen).

Natürlich wird es dann auch schon wieder verlogen und so weiter. Natürlich ist auch die Rezeptionsgeschichte der Operette verlogen, erst recht im Falle Franz Lehárs, dessen Leben und Werk später noch mitten in den Nationalsozialismus gerieten.

Die neue Frankfurter „Lustige Witwe“ interessiert sich aber nun genau für diese Zwiebelform, in der das eine stimmt, aber das andere auch. Das Wort interessieren ist vielleicht etwas schwach gewählt. Die neue Frankfurter „Lustige Witwe“ gibt sich dieser Zwiebelform hin, entblättert sie für uns und legt noch etwas dazu. Indem die Verlogenheit, das Konstruierte, das Unwahrscheinliche zu keinem Zeitpunkt geleugnet wird, bekommt die Süße atemberaubend viel Platz. Das ist keine Inszenierung für Operettenverächter, vielleicht aber eine für Operetteninszenierungsverächter.

Auch dringt sie unverzüglich zum springenden Punkt vor: Der springende Punkt ist, über die süße Verlogenheit zu lachen und sie zugleich ernst zu nehmen, ihr zu misstrauen und sich ihr für einen, aber wirklich nur einen Moment zu überlassen. Lehárs Musik bietet das an. Der Text von Victor Léon und Leo Stein erleichtert es mit einer respektlosen Haltung gegenüber dem popanzhaft daherkommenden Vaterland, gegenüber dem Arbeitsethos und dem Ideal der Ehe. Dem kann man hier vergnügt zuschauen, denn auch zum Kern des Geschehens dringt die Inszenierung unverzüglich vor.

Wahnsinnsliebesgeschichte zwischen Lug und Trug

Ach, es gibt einen Kern des Geschehens in der „Lustigen Witwe“, wenn sie doch – biologisches Wunder – eine Zwiebel ist? Durchaus. Der Kern des Geschehens ist die Möglichkeit, dass zwar alles Lug und Trug ist, aber es doch eine Wahnsinnsliebesgeschichte zwischen dem Leichtsinnspinsel Danilo und der coolen, liberalen Titelheldin Hanna, gibt, eine Liebesgeschichte in wirtschaftlich problematischen Zeiten (Staatsbankrott!), und gesellschaftlich nicht gerade fortschrittlichen. Aristokrat Danilo konnte seinerzeit Hanna aus erbschaftstaktischen Gründen nicht heiraten, Hanna konnte das aus zutiefst menschlichen Gründen nicht nachvollziehen, zumal es D. gelingt, jetzt auch noch die beleidigte Leberwurst zu spielen.

Das ist eine Screwball-Komödien-Konstellation, und so handhabt es Claus Guth in diesem ebenso leichtherzigen wie Maßstäbe setzenden Wurf. Wie bei allen Würfen funktioniert das nur, weil erstklassiges musikalisches und darstellerisches Personal zur Verfügung steht. Und wie bei allen großen Würfen wird das Problem (hier also das Schichten-Problem) durch einen einfachen Trick gelöst, der nicht einmal neu ist, aber glanzvoll ausgeführt.

Indem die neue Frankfurter „Lustige Witwe“ also während Dreharbeiten spielt – realistischerweise, die 1905 uraufgeführte Operette erlebte mindestens fünf Verfilmungen, darunter von Erich von Stroheim (1925) und Ernst Lubitsch (1934 in den USA) –, sind die Nummern, die Tableaux, die karnevalistisch wirkende Folklore, die Künstlichkeit der Dialoge bereits tadellos untergebracht. Sie dürfen drastisch operettenhaft wirken, in die Luft geworfene Tänzerinnen in fantastischen Kostümen können hemmungslos juchzen, ohne dass man einen roten Kopf bekommen muss. So ist eben das Geschäft, ein Kameramann ist fast immer dabei, das geduldige Scriptgirl, der gestresste Regisseur, der zugleich den Njegus spielt (Klaus Haberer als wunderbarer Komödienösterreicher).

Er will die Ebenen, nicht das Dekor

Interessanterweise bleibt Ausstatter Christian Schmidt bei der zeitlichen Einordnung zurückhaltend. Die Kamera ist modern, das Team ist von heute, die Drehbühne ist klassisch großzügig eingerichtet:hier ein Ballsaal, in dessen Hintergrund sich romantische Projektionen von (pontevedrinischen) Wäldern auftun können, da die Künstlergarderoben, schließlich die prosaische Fassade eines in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandenen Gebäudes (in dem gedreht wird, in dem aber auch die pontevedrinische Botschaft untergebracht ist, alles fließt). Dazwischen darf man immer sehen, dass das Kulissen sind. Die Kontraste zwischen Dreh und Gedrehtem drängen sich nicht auf, an keiner Stelle wird das zur Ausstattungsoperette. Auch darauf, uns Filmmaterial vorzuführen, verzichtet Guth konsequent. Er will die Ebenen, nicht das Dekor.

Dialog- wie Chorszenen sind auf die Kamera ausgerichtet – vor allem bei den Dialogen ist das komisch und peinlich, aber Operettendialoge sind immer komisch und peinlich. Hier wird es durchgezogen und doch reflektiert und ironisiert. Das Geplapper unter den Herrschaften, die es allesamt auf die Witwe abgesehen haben, wird dadurch nie fade, dazu kommt, dass Guth für zahlreiche Miniaturstudien sorgt. Neben der Folklore trägt man Frack und Abendkleid. Vielschichtig zu sein bedeutet nicht, übermäßig kompliziert zu sein.

Nein, „Die lustige Witwe“ ist in Frankfurt nicht übermäßig kompliziert. Sie ist ambivalent, Hanna Glawari ist ambivalent. Noch vor der Ouvertüre sieht man Marlis Petersen in der Garderobe sitzen und sich einsingen. Hanna sinniert. Dann lässt Joana Mallwitz die Musik einsetzen, lässt sie extrem transparent klingen und die Süffigkeit bleibt ganz schwerelos. Schmidts Bühne beginnt sich zu drehen, und eine Wabe weiter sieht man den (vorzüglich bewegten und von Tilman Michael auch zu leichtfüßigem Singen animierten) Chor im Walzerschwung.

Nicht die Seele aus dem Leib singen

Nirgendwo, auch hier nicht, geht es Guth um einen schroffen Gegensatz. Die Übergänge sind vielmehr fein, auch musikalisch. Nur das Metronom, die unnachgiebige Taktvorgabe für Musiker, klackt zuweilen unerbittlich (wohl auch als Memento mori). Sanft kann aber eine Probensituation in eine Drehszene übergehen, keiner soll sich hier die Seele aus dem Leib singen, und Mallwitz dirigiert entsprechend. Petersens perfekt austarierter, beweglicher und doch in sich ruhender Sopran kann sich unangestrengt in der Musik wiegen, eine lukullische Situation über die weitesten Strecken. Ihr Danilo Iurii Samoilov ist ein stimmlich und körperlich behänder Beau, den die Regie sympathisch und sympathisierend auf die leichte Schulter nimmt. Marlis und Iurii nennen sich bisweilen beim echten („echten“) Vornamen, die alte Geschichte betrifft auch sie. Und geht an dieser Stelle nicht gut aus, wie man leider sagen muss.

Auch beim zweiten Paar hat die Frau in Energiefragen die Nase vorn. Einspringerin Elizabeth Reiter ist eine hinreißende, ungezogene Valencienne, die nicht zwitschert, sondern glockenrein singt, ihr Camille, Martin Mitterrutzner, bemüht sich redlich (und vergeblich), alles so zu machen, wie sie es verlangt. Den Rosenknospen-Song singt er wie ein junger Gott. Ihr Häuslichkeits-Duett wird ihnen übrigens entzogen und in die Garderoben von Hanna und Danilo verlegt, die mehrfach getrennt voneinander duettieren. Ja, Liebende haben es nicht leicht.

Frankfurt hat mit „Lustigen Witwen“ eine glückliche Hand. Unvergessen Peter Mussbachs sich in Schwarzweiß und kühl dem Rhythmus der Musik hingebender, Ohren öffnender und lebensverändernder Geniestreich von 1996. Die neue Witwe ist von anderer, komödiantischerer, menschenzugewandter Art, aber auch sie kein Klamauk – obwohl zum Schluss schon mal probiert wurde, in den vergnügten Applaus hinein noch etwas Mitklatschmusik zu machen. Darauf kann man dann getrost in der Silvesternacht zurückkommen.

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