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Zurück in der Sonne

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Von: Thomas Stillbauer

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Nicht endgültig vom Nicht-Glauben abgefallen: Mike Patton setzt seine Stimme wieder bei Faith No More ein.
Nicht endgültig vom Nicht-Glauben abgefallen: Mike Patton setzt seine Stimme wieder bei Faith No More ein. © REUTERS

Faith No More feiert nach 18 Jahren Album-Pause mit „Sol Invictus“ ein starkes Comeback.

Wir schreiben das Jahr 1997. John Major ist die längste Zeit britischer Premierminister gewesen, Dario Fo erhält den Nobelpreis für Literatur, das Wanzen-Knabenkraut wird Orchidee des Jahres, Bundeskanzler Helmut Kohl kämpft um die Einführung einer noch fernen Währung namens Euro, und die US-Crossover-Rockband Faith No More veröffentlicht ihr letztes Album. Ganz recht, nicht das erste. Das letzte.

Das letzte? Nein, das vorletzte, wie wir inzwischen wissen – 18 Jahre später. Es gab ja schon die erstaunlichsten Comebacks in der Musikgeschichte, aber dass eine Band eine neue Platte herausbringt, ein ganzes Erwachsenenalter nach der vorigen Platte, das ist schon eher selten. Und dass es dann noch eine richtig gute Platte ist: noch seltener.

„Sol Invictus“ (lat. unbesiegte Sonne, unbesiegbare Sonne, unerschütterliche Sonne) heißt das neue Werk mit zehn Liedern, sehr unterschiedlichen Liedern, darunter eigentlich keins mit Ohrwurmcharakter, aber alle machen hungrig auf mehr. Das ist umso erfreulicher für jene treuen Fans, die im vorigen Sommer entsetzt das Live-Video zum ersten neuen Song nach all den Jahren im Internet sahen. Die Nummer klang abscheulich und hieß zu allem Überfluss auch noch „Motherfucker“. Die Kommentare auf Youtube waren ätzend: „Das ist die schlechteste Horde aller Zeiten“, schrieb einer, und der nächste, mit Blick auf die nicht mehr ganz jugendlich frischen Herren auf der Bühne: „Es gibt jetzt auch kabellose Mikrofone.“

Das Schlimmste war zu befürchten

Die Vorabversion aus dem Londoner Hyde Park ließ das Schlimmste befürchten, aber die Angst war unbegründet. „Sol Invictus“ vereint die Stärken der Crossover-Helden der 90er Jahre: gesunde Härte, jagende Gitarren, knackige Bässe und eine ordentliche Portion Drama. Das Lied „Rise of the Fall“ etwa klingt streckenweise wie der Soundtrack zu einem dieser guten alten Gruselfilme, „Das Omen“ und Konsorten. In der Hauptrolle, ohne jeden Zweifel: Mike Patton.

Der 47-jährige Sänger mit der Aura eines Rocky Balboa der Operettenszene fasziniert die Fans, seit er 1988 zur Band stieß. Praktisch Jahr für Jahr gründete Patton Nebenprojekte wie Mr. Bungle oder Tomahawk, sang mit Serge Gainsbourg, Björk, Massive Attack und Norah Jones, nahm Platten auf Portugiesisch und Deutsch auf, synchronisierte kranke Monster für Computerspiele und blieb doch stets in erster Linie der Mann, den die Menschen auf der Bühne als Galionsfigur von Faith No More erlebt hatten. Die Arme ausgebreitet zum Song „Mouth to Mouth“ von der letzten, Pardon, vorletzten Platte „Album of the Year“, den Schrei auf den Lippen: „Aaaheeey!“

Eindrucksvoll Pattons körperliche Gegenwart auf der Bühne, überragend die Stimme, ob dunkel bedrohlich oder tenorhaft klar. Das ganze Spektrum ruft er auf „Sol Invictus“ ab, die Band ist hellwach, es gibt dauernd etwas Neues zu entdecken. Die Musiker produzierten die Platte komplett selbst – einen Produzenten, sagt Bassist Bill Gould, hätten sie gebraucht, „als wir noch Kinder waren“. Damals, als Faith No More sich von Siouxsie and the Banshees ebenso inspirieren ließ wie von Roxy Music, als das organisierte Chaos ihre Musik bestimmte. Dahin wollte die Band aber durchaus zurück. Gould: „Wir laden das Chaos ein.“

Es ist ein sittsamer Gast geworden, das Chaos. „Cone of Shame“, „Matador“, tolle Songs in der Tradition der frühen Jahre, fast so gut wie auf dem Meisterwerk „King For a Day, Fool For a Lifetime“ von 1995. Sogar das unheilvoll dräuende „Motherfucker“ kann man sich in der Studioversion anhören, auch wenn dieser Begriff selbstverständlich in einer halbwegs würdevollen Welt längst ausgestorben wäre.

Faith No More: Sol Invictus. Reclamation/Ipecac/Pias (Rough Trade).

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