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Pierre-Laurent Aimard spielt Messiaen.

Musik

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Olivier Messiaens "Katalog der Vögel" mit Pierre-Laurent Aimard in Frankfurt.

Den Höhepunkt des Musikfests der Alten Oper Frankfurt stellte, was Seltenheit der Aufführung und Größe der Interpretenkompetenz anbetrifft, nicht das Mottowerk „Atmosphères“ von György Ligeti dar, sondern „Catalogue d’Oiseaux“, ein zweieinhalbstündiger Klavierzyklus Olivier Messiaens. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten über den Sonntag verteilt und durch Pierre-Laurent Aimard aufgeführt an drei Orten, die den Horizont des Komponisten bis auf einen Aspekt topografisch zu erfassen versuchten.

Die hominide Welt der Kultur und die florale und faunische der Natur waren in Gestalt des Opernturms, des Gesellschaftshauses im Palmengarten und der Vogelhallen des Zoos die Räume, in denen das zwischen 1956 und 1958 entstandene Werk je gedrittelt erklang. Und wie jeder Höhepunkt seinen Vorlauf braucht, wurden Werkausschnitte tags zuvor im Albert-Mangelsdorff-Foyer der Alten Oper in einem vom Pianisten selbst moderierten Lecture-Konzert präsentiert.

Ein wenig ging es auch um Ligeti, aber letztlich um die neue Definition von musikalischem Raum, von Timbres und die Schichtung von Zeiten bei Messiaen. Im Verein mit den komplexen Melodien und Rhythmen der Vögel, den Reliefs der Berge, der Bewegung des Wassers, der Lichtstimmung, der Farben der zwitschernden, singenden Lebenswelt.

Noch im Dunkeln versammelte man sich am Sonntagmorgen, um in das 38. Hochhaus-Stockwerk befördert zu werden. Gen Osten waren die Stühle an den großen Fensterschlitzen gerichtet. Das Klavier in der Position wie eine Orgel auf einem rückseitigen, emporenartigen Balkongeschoss. Ex oriente lux – mit dem Licht aus dem Osten hätte das Konzert um 7:13 Uhr, beim Aufgang der Sonne, seinem Höhepunkt erreicht.

Aber der Himmel hatte verständlicherweise kein Erbarmen mit dieser Feierstunde und hüllte alles in einen regenschweren, bleigrauen Nebel. Fehlte doch im Spektrum der Klangorte ein entscheidender Posten. Durchwirkt sind die 13 mit Vogelnamen überschriebenen Sätze nicht nur mit naturalen Klängen, sondern solchen metaphysischer Größe. Gregorianische Modalbewegungen, meist sehr harmonisch akkordisiert, prozedieren durch das horrend dichte Geflecht dieses Werks. Im Katalog der Klangorte fehlte neben Büro-, Palmen- und Vogelhaus schlicht eine Kirche. Und Gottfried Böhms exzentrisch betongefalteter Raum von St. Ignatius mit seinen dunkelroten Farbfenstern gleich hinter der Alten Oper wäre dafür perfekt gewesen: für Messiaens musikalische Ökumene von Divinität, Natur und Kultur.

Aimard hatte die Anordnung der Sätze in den insgesamt sieben „Livres“ des Zyklus deutlich umgestellt und einen mächtigen Block für das 11-Uhr-Konzert im Palmengarten arrangiert. Eine Stunde dichtester Gestaltung, pausenlos gespielt. Die weiche, aber sehr gut resonierende Akustik des Gesellschafthauses ließ die älteste, lange vor dem Auftauchen des Menschen gesungene Musik aus den gefiederten Kehlen der Kreidezeit, die bei Messiaen mal wie Tusch, wie innigste Romantik, wie serielle Hyperkomplexität oder grelles Musik-Geräusch-Konglomerat klingt, in ihren Harmoniefarben leuchten. Eine wunderbare Passage zwischen paläo- und neomorpher Musik.

Zuletzt im Angesicht von Rotstirn-Blatthühnchen, Schwarznacken-Flaumfußtaube oder Zweifarben-Fruchttaube die letzten vier Sätze des Katalogs in den Vogelhallen des Zoos. Eingehüllt in eine leichte Zwitscher-Wolke, die durch die großen Scheiben der Gehege drang. Im Brutkasten sah man Küken aus den Eiern schlüpfen und ein Säugling piepste auch ab und an. Messiaens Schöpfungsgestaltung zweiter Ordnung wurde in die der ersten zurückgebettet.

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