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Nachruf auf Emil Mangelsdorff: Musik für Freiheit und Gleichheit

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Emil Mangelsdorff vor dem Holzhausen-Schlösschen in Frankfurt.
Emil Mangelsdorff vor dem Holzhausen-Schlösschen in Frankfurt. © Christoph Schmidt/dpa

Zum Tode des einflussreichen Jazzmusikers und politischen Zeitzeugen Emil Mangelsdorff aus Frankfurt.

Frankfurt – Wie aus einer anderen, auch nicht besseren Epoche ragte Emil Mangelsdorff in unsere Zeit herüber, als historische Figur, als Musiker und als Mensch mit großem, freundlichem Herzen und politischem Bewusstsein. Das Frankfurt seiner Jugend war noch die alte, malerische Großstadt mit der unnachahmlichen historischen Bausubstanz in der Innenstadt, vertikal gegliedert von Kirchtürmen und Dom – eine Stadt, die niemand mehr kennt, seit sie im Zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer fiel.

Aufgewachsen ist Emil Mangelsdorff nicht in der Altstadt, sondern in der von der optimistischen, dem Licht zugewandten Moderne des frühen 20. Jahrhunderts geprägten Ernst-May-Siedlung in Praunheim, als ältester Sohn in einer sozialdemokratisch geprägten Familie, zu der auch einige Musiker gehörten. Mit 15 begann er, Jazz zu spielen, da hatte der Zweite Weltkrieg schon begonnen. Nur kurz war es ihm 1942/43 vergönnt, an Dr. Hoch’s Konservatorium Klarinette zu studieren, wo es die 1928 von Mátjás Seiber gegründete erste Jazzklasse Deutschlands schon nicht mehr gab.

Emil Mangelsdorff war Teil einer mutigen Jugend

Die neuen Zeiten, die gekommen waren, waren der Musik, die Emil liebte, feindlich gesinnt. Seit Anfang der vierziger Jahre hatte er zu den jungen Menschen gehört, die man heute unter dem etwas pauschalen Sammelnamen „Swingjugend“ zusammenfasst. Sie galten den Vertretern des Nazi-Regimes – wohl mehrheitlich nicht ganz zu Unrecht – als politisch unzuverlässig. Sie hörten, weil deutsche Rundfunksender keinen echten Jazz im Repertoire hatten, Feindsender. Sie schüttelten über den herrschenden Rassismus die Köpfe, trugen die Haare unbotmäßig lang und die Kleidung ungehörig lässig, und sie waren anglophil.

In Frankfurt wurden sie von dem berüchtigten Gestapo-Mann Heinz Baldauf überwacht. Geschickte Verbergungs-Taktiken der jungen Leute für ihre Konzerte in der Rokoko-Diele auf der Kaiserstraße konnten nicht verhindern, dass Emil Mangelsdorff drei Wochen lang von der Gestapo interniert, schikaniert und verhört wurde. Seine Eltern, die nicht wussten, was mit ihrem Sohn geschehen war, wurden abgewimmelt. Und dann musste er an die Ostfront, da war er noch keine 20 Jahre alt. Emphatisch hat er später oft erzählt, wie er während seiner Kriegsgefangenschaft einmal zufällig aus einem fernen Lautsprecher ein paar Takte Jazz gehört habe: sein Lebenselixier.

Als er 1949 aus der Gefangenschaft zurückkehrte, gab es die Stadt, in der er aufgewachsen war, nicht mehr.

Schnell fand Emil Mangelsdorff wieder Anschluss in Frankfurt

Gleichwohl fand er schnell wieder Anschluss an die Jazz-Szene. In der hatten sich tiefgreifende stilistische und soziale Veränderung vollzogen. Statt des Two-Beat-Jazz und des frühen Swing standen nun Bebop und bald Cool Jazz auf der Tagesordnung. Die Musik fand ihre Hörerinnen und Hörer vor allem unter den amerikanischen Besatzern, und Emils jüngerer Bruder Albert wurde bald zur zentralen Figur dieser neueren Szene.

Emil Mangelsdorff besorgte sich ein Altsaxophon und tat, was alle Jazzer der Region taten: Er spielte in selbst zusammengerufenen Bands oder als Mitglied in anderen Combos in Ami-Clubs und in deutschen Lokalen. Ab 1951 gab es das Domicile du Jazz, 1952 eröffnete der Jazzkeller in der Kleinen Bockenheimer, den die Musiker selbst von Schutt und Trümmern befreit hatten. Das Altsaxophon wurde sein Hauptinstrument, daneben spielt er Flöte und Sopransaxophon. Autodidakt? Ja, aber einen besseren Jazz-Studiengang als die amerikanisch geprägte Frankfurter Szene mit ihrem Theoretiker Carlo Bohländer und ihrem ständigen hohen Bühnen- und Spieldruck gab es weit und breit nicht.

Emil Mangelsorff war immer ein Musiker, dem Traditionen viel bedeuteten. Das hat ihn andererseits nie gehindert, sich intensiv mit neuen Strömungen auseinanderzusetzen; erst beim Free Jazz wiegte er zuweilen bedenklich das Haupt. Eine Musik, der der Sinn für Melos, Rhythmus, für den Blues, für Phrasierung, Stil und Form, für die fokussierte emotionale Intensität abhanden gekommen schien, wurde nicht seine Welt. Gleichwohl wurde Emil Mangelsdorff einer der profiliertesten und vielseitigsten Solisten im europäischen Jazz.

Emil Mangelsdorff – ein Musiker aus Frankfurt mit weitem Horizont

Als der Hessische Rundfunk 1958 auf Anregung von Horst Lippmann sein Jazz-Ensemble gründete, war er von Anfang an dabei. Als Bandleader hat er eine große Zahl erfolgreicher und Epoche machender Langspielplatten und CDs eingespielt und immer sich wieder mit offenem Geist und unermüdlicher Veränderungs- und Übe-Energie an Experimente gewagt. Er war Exponent experimenteller Wege, zwischen Jazz und Lyrik klangliche und energetische und Zusammenhänge herzustellen.

Über sieben Jahrzehnte war Emil Mangelsdorff einer der ausdruckreichsten, stilistisch variabelsten deutschen Jazzmusiker. Der Jazz war für ihn untrennbar verbunden mit der Idee von Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Dass seine Ursprünge in der afroamerikanischen Subkultur der nordamerikanischen Sklavenhaltergesellschaft liegen, bedeutete für ihn zwangsläufig, dass diese Musik keinerlei Diskriminierung dulden konnte. Dafür hat er sich stets nachdrücklich engagiert, und er hat sich nie gescheut, seinen öffentlichen Einfluss geltend zu machen.

Als Saxophonist und Klarinettist, als Bandleader, als Komponist und als Mann mit politischem Bewusstsein und weitem Horizont hat er in der Frankfurter Szene gewirkt und ist mit seiner Musik in wörtlicher und metaphorischer Hinsicht weit in der Welt herumgekommen.

Was von Emil Mangelsdorff am meisten fehlen wird

Am intensivsten verband sich seit nun schon mehr als drei Jahrzehnten sein Name mit der Idee von Gesprächskonzerten, in denen er junge Menschen mit seinem Bild von Jazz und seiner Idee von dessen politischer Kontur bekannt machte, die dezidiert antifaschistisch, antiautoritär und freiheitsliebend war. Generationen von Schülerinnen und Schülern in Hessen sind so mit dem Jazz in erste Berührung gekommen.

Ein jour fixe des Frankfurter Jazz war über Jahrzehnte die Konzertreihe „Emil und seine Freunde“ im Holzhausenschlösschen. Unter den Auszeichnungen, die ihm zuteil wurden, waren die Goethe-Plaketten der Stadt Frankfurt und des Landes Hessen, der Hessische Jazzpreis 1995, die Wilhelm-Leuschner-Medaille sowie das Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland die wichtigsten.

Mit Emil Mangelsdorff ist dem Jazz und der Stadt Frankfurt mehr verloren gegangen als ein einflussreicher Musiker: ein gegenwärtiger Repräsentant einer vergangenen Epoche. (Hans-Jürgen Linke)

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