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Zum Tod von Lars Vogt: Ohne alle Heiligkeit

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Von: Stefan Schickhaus

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Wenige Tage vor seinem 52. Geburtstag ist der Pianist Lars Vogt gestorben. Noch im April spielte er in der Alten Oper Frankfurt.

Lars Vogt war der Beste. Oder, um es präziser zu sagen: Als im November 2015 in dieser Zeitung vier neue Aufnahmen von Bachs Goldberg-Variationen vor- und einander gegenübergestellt wurden, konnte sich die des 1970 geborenen Pianisten gegen die Konkurrenz durchsetzen. Spielerisch-lässig, metrisch frei und ohne alle Heiligkeit dem Großwerk gegenüber, mit diesen Qualitäten punktete einer, der erst einmal so unauffällig erscheint.

Bach hat er auch zuletzt viel gespielt, ebenso Mozart, vor allem Brahms – im Konzert, aber auch in der Klinik. Auf der Krebsstation im Therapieraum, „da flossen natürlich auch Tränen“. Auf der Palliativstation stehe tatsächlich sogar ein Flügel, hat Lars Vogt im Mai 2021 in einem berührend offenen Interview mit dem Online-Klassik-Magazin VAN gesagt, in dem er über seine Diagnose Speiseröhrenkrebs sprach, die er drei Monate zuvor erhalten hatte. Dass dieser Tumor lebensbegrenzend sein werde, hatte er gewusst. Am Montag nun ist Lars Vogt „im Kreise seiner Familie friedlich eingeschlafen“, wie seine Agentur Askonas Holt mitteilte.

Lars Vogt: Im April spielte er noch in der Alten Oper Frankfurt

Über 30 Jahre hinweg, seit seinem zweiten Preis beim Leeds-Wettbewerb 1990, war der aus dem nordrhein-westfälischen Düren stammende Vogt einer der gefragtesten deutschen Pianisten, auch als Dirigent hatte er sich einen Namen gemacht. Seine Chefdirigent-Position beim Orchestre de Chambre de Paris war erst im vergangenen Jahr verlängert worden.

Ihn einen Starpianisten zu nennen, wäre freilich nicht angemessen, darauf hätte er auch keinen Wert gelegt. Mit hochvirtuosem Tastenzauber und Salonkunststücken hatte er nichts zu schaffen, auch wenn er dazu den technischen Zugriff unbedingt gehabt hätte. Liszts h-Moll-Sonate jedenfalls hatte er im Griff, problemlos. Aber auch so konnte sich Vogt den Status erarbeiten, als der wohl seriöseste deutsche Pianist zu gelten, und als einer, der zunehmend an Charakter und Spielwitz gewann. Früher hatte man ihm mitunter übergroße Nüchternheit attestiert, dazu gab es zuletzt keinen Anlass mehr.

Lars Vogt.
Wenige Tage vor seinem 52. Geburtstag ist der Pianist Lars Vogt gestorben. (Archivfoto: Anna Reszniak) © Anna Reszniak

Was von ihm bleiben wird: Prägende Aufnahmen, die Goldberg-Variationen darf man gerne dazu zählen; nachhaltig im Gedächtnis bleibende Konzertstunden vor allem mit Mozart und Schumann sowie Kammermusikprogramme, am liebsten mit den Tetzlaff-Geschwistern; dazu die von ihm initiierte Künstlerinitiative „Rhapsody in School“, bei denen Musikerkollegen und -kolleginnen ehrenamtlich Schulen besuchen. Noch im April war Vogt als Solist mit dem HR-Sinfonieorchester und Beethovens drittem Klavierkonzert in der Alten Oper Frankfurt aufgetreten.

Frankfurt Alte Oper: Vogt trat als Solist mit hr-Sinfonieorchester auf

Und was auch bleibt: sein Reflektieren über seine Krankheit in den letzten Jahren und Monaten, das ein bewundernswert offenes und in der Klassikwelt auch singuläres war. „Vielleicht haben wir gerade im Klassikbereich besonders stark internalisiert, dass wir ein Idealbild nach außen darstellen müssen, von einem omnipotenten Magier, der auf dem Klavier zaubert und im Leben läuft’s auch super“, so Vogt gegenüber VAN.

„Mir ist, wenn ich jetzt konkret über den Tod nachgedacht habe“, so formulierte er es im Interview, „ein ganz naiver, fast kindlicher Glaube gekommen: Ich hoffe, dass mich auf der anderen Seite die Menschen, die ich so gemocht habe und die nicht mehr hier sind, in Empfang nehmen. Von meiner Oma angefangen bis zu Karl-Heinz Kämmerling, Yakov Kreizberg und Boris Pergamenschikow und all die lieben Menschen, die über die Jahre gegangen sind. Dass die da irgendwie warten und den Wodka kalt gestellt haben – im Fall meiner Oma wäre es eher der Kaffee, der serviert würde. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass das wirklich der Fall sein wird, aber es ist ein schöner Gedanke, und den erlaube ich mir, zu behalten.“ (Stefan Schickhaus)

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