Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

James Levine probt in der Alten Oper Frankfurt, 1996.
+
James Levine probt in der Alten Oper Frankfurt, 1996.

Nachruf

Zum Tod von James Levine: Vom Firmament

  • VonStefan Schickhaus
    schließen

Mit 77 Jahren starb in Kalifornien James Levine, der Dirigent, der seinen Kultstatus verlor.

Pop-Sternchen können schnell sinken, Stars der klassischen Musik bleiben dagegen gerne dauerhaft am Firmament – vor allem wenn sie Dirigenten sind. Als nun die dpa den Tod eines „Ex-Star-Dirigenten“ vermeldete, musste man nicht lange darüber nachdenken, wer gemeint ist: James Levine, der Maestro, der so tief stürzte wie kein zweiter.

Weil die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in zahlreichen Fällen immer konkreter und unüberhörbarer wurden, hatte die New Yorker Metropolitan Opera 2018 nach gründlicher Recherche die Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Musikdirektor beendet. Gerüchte hatte es schon lange gegeben, seit den 60ern soll Levine Jugendliche und junge Männer missbraucht haben. Doch ein Star-Dirigent blieb Star und Dirigent. Ob Daniele Gatti, Placido Domingo oder Charles Dutoit, etliche Pult-Autoritäten der klassischen Musik wurden in den letzten Jahren mit Vorwürfen dieser Art konfrontiert, doch niemand stürzte danach so tief wie der 1943 in Cincinnati geborene Levine.

Die Metropolitan Opera und James „Jimmy“ Levine, sie bildeten eine Symbiose. Aus dem eher zweitklassigen Opernorchester hatte der Musiker, der früh schon als pianistisches Wunderkind auf sich aufmerksam machte und mit 21 Jahren Assistent des legendären George Szell beim Cleveland Orchestra wurde, einen Top-Klangkörper gleichermaßen für sinfonisches wie Musiktheater-Repertoire gemacht. Auf 1971 datierte sein Met-Debüt, „Tosca“ stand auf dem Programm. Im Jahr darauf wurde er dann als Chefdirigent fest ans Haus im Herzen Manhattans gebunden, an dem er über rund vier Jahrzehnte mehr als 2500 Vorstellungen von 85 Opern dirigierte.

Auch die stilistische Ausrichtung des Traditionsopernhauses lenkte der stets für die Moderne und das Zeitgenössische offene Levine in neue Bahnen: Opern etwa von Philip Glass und John Corigliano bekamen das Publikum in New York zu sehen, nicht unbedingt die Avantgarde also, aber für US-Opernhäuser schon ambitionierte Projekte.

Und an was nur die langlebigsten Met-Gängerinnen und -Gänger sich seinerzeit noch erinnern konnten: Wagners „Ring“, er war für 50 Jahre von der New Yorker Bühne verschwunden gewesen und bekam in James Levine ab 1989 einen ebenso auf das Lyrische wie den kalkulierten Klangeffekt achtenden Dirigenten. Und einen mit Bayreuth-Erfahrung, regelmäßig war Levine auf den Grünen Hügel eingeladen worden, zuletzt 1998.

Von 1999 bis 2004 war James Levine zudem Chefdirigent der Münchner Philharmoniker – die Fraktion der Grünen wollte vor Amtsantritt ein polizeiliches Führungszeugnis eingeholt sehen, aus den oben bereits erwähnten Gründen, es wurde ja hinter vorgehaltener Hand stets gemunkelt.

Sein Münchner Amt musste Levine krankheitshalber aufgeben, überhaupt war der Dirigent gesundheitlich angeschlagen. Mehrere Jahre konnte er aufgrund eines Rückenleidens nicht dirigieren, auch die Leitung des Boston Symphony Orchestra hatte er deswegen abgegeben.

Zuletzt dirigierte James Levine im Rollstuhl, unterstützt von Assistenten. 46 Jahre nach seinem Debüt dort endete seine Met-Karriere im Dezember 2017. „Er wurde Musikdirektor 1976 und das war er bis 2016“, so fasste es der Musikkritiker der „New York Times“, Michael Cooper, in einem ARD-Interview zusammen. „Nur für die Perspektive: Kanzler Schmidt war im Amt, als er begann, und Levine dirigierte weiter an der Spitze – bis in die Merkel-Jahre.“

Heute liegt das Opernhaus quasi in Trümmern: Das Ansehen bei den so wichtigen Sponsoren ist wegen der Causa Levine im Keller, die Saison wegen Corona komplett ausgefallen, die Orchestermitglieder sind freigestellt und ohne Bezahlung. James Levine allerdings hatte noch eine Abfindung in Höhe von 3,5 Millionen Dollar bekommen. Denn in seinem Vertrag, so hatten seine Anwälte unter anderem argumentiert, sei nicht vermerkt gewesen, dass unangemessenes Benehmen ein Kündigungsgrund sei.

Obwohl Levine regelmäßig in Europa dirigiert hat und sein künstlerisches Bewusstsein auch europäisch geprägt war, genoss er wahren Kultstatus doch vornehmlich in den USA. „Er ist ein Gott“, so wurde 2011 der einstige Operndirektor San Franciscos David Gockley zitiert (aber wie es machtmissbrauchenden Göttern ergeht, steht schon in der „Ring“-Partitur). Seine musikalischen Meriten allerdings, sie sind nicht zu leugnen. Nicht zuletzt verdient hatte er sie mit seinen Mahler-Sinfonien, manche erkannten darin eine Weiterführung der deutlich intellektuellen Handschrift George Szells.

Sein Rückzug vom Dirigentenpult 2017 sollte kein endgültiger sein, etwa wenn es nach Alexander Pereira gegangen wäre. Auf Einladung des Intendanten des Festivals Maggio Musicale Fiorentino hätte James Levine im vergangenen Januar mehrere Opernaufführungen und Konzerte dirigieren sollen. „Ich versuche immer, die zu schützen, die verteufelt werden – ob zu Recht oder zu Unrecht“, so die Begründung Pereiras für dieses überraschende Engagement. Pandemie-bedingt musste die Termine verschoben werden. Auf dem Programm Levines, der, wie erst am Mittwoch bekannt wurde, bereits am 9. März eines nach Aussage seines Leibarztes „natürlichen Todes“ gestorben ist, hätte auch Johannes Brahms’ „Ein deutsches Requiem“ gestanden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare