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Zum Tod von Jaimie Branch – Furchtlos, wahrhaftig und schön

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Von: Harry Nutt

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Jaimie Branch, 2018.
Jaimie Branch, 2018. © imago/Votos-Roland Owsnitzki

Die Trompeterin und Komponistin Jaimie Branch ist nach einer kurzen und grandiosen Musikkarriere im Alter von nur 39 Jahren in New York überraschend gestorben.

Laut deutschem Duden, wo das Wort „cool“ erst 1980 Aufnahme fand, versteht man darunter die Eigenschaft, stets die Ruhe zu bewahren und nicht die Nerven zu verlieren. Zum anderen schwinge aber auch die Bedeutung des Gefallens mit, „der Idealvorstellung entsprechend“.

In diesem Sinne war die amerikanische Jazzmusikerin Jaimie Branch auf eine demonstrative Art uncool. Bei Live-Auftritten bevorzugte sie weite Trainingsanzüge, die jeden Anflug von modischer Note einige Jahre hinter sich hatten. Dazu quietschte sie mit ihren Turnschuhen auf der Bühne herum, die eben keine Sneakers waren, egal ob die Töne gerade zur Musik passten oder nicht. Von einer aufreizenden Intensität aber war ihr Trompetenspiel, das weit zurückging in die Traditionsbestände des Jazz und vorauseilte, den längst aus der Zeit gefallenen Free Jazz zu erneuern. Improvisation entwickelte sie aus einem inneren Drang nach Präzision und Genauigkeit heraus. Nichts an ihr wirkte auf den ersten Blick lässig, aber ihre Musik verführte nach wenigen Klängen in jeweils eigene Gedankenwelten. Ihre stilistische Ungebundenheit, etwa in dem Stück „Prayer for Amerikkka“ war immens.

Die Trompeterin und Komponistin sei überraschend in der Nacht zum 22. August in ihrem Haus in Red Hook/Brooklyn im Alter von nur 39 Jahren verstorben, teilte ihr Label International Anthem jetzt mit, die Todesursache blieb zunächst unklar. „Ihre Familie, ihre Freunde und ihre Bekannten sind untröstlich“, heißt es in dem Statement der Plattenfirma. „Jaimie war eine Tochter, Schwester, Tante, Cousine, Freundin und Lehrerin; sie hat unzählige Menschen mit ihrer Musik und ihrem Spirit berührt. Ihre Musik war furchtlos, wahrhaftig und schön und wird für immer in den Herzen und Ohren weiterleben.“

Zu all dem hatte sie nur sehr wenig Zeit. Neben ihren Auftritten in verschiedenen Formationen veröffentlichte Branch 2017 ihr Solo-Debüt „Fly or Die“, auch dem Nachfolger-Album „Fly or Die II: Bird Dogs of Paradise“ übernahm sie auch Gesangparts. Zuletzt veröffentlichte sie mit ihrem Projekt Anteloper, gemeinsam mit Jason Nazary und Jeff Parker, das Album „Pink Dolphins“. Wiederholt war Jaimie Branch auch auf deutschen Bühnen zu sehen, 2021 wurde sie als Bläserin mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet.

Ihre kurze musikalische Karriere wurde begleitet von einer langen Leidens- und Suchtgeschichte. Über mehrere Jahre hing sie an der Heroin-Nadel, worüber sie selbst einmal sagte: „Es nimmt dir alles weg, bis nichts mehr da ist.“ Fly Or Die, der Name ihrer Band, bezieht sich ausdrücklich auf ihre Suchterfahrungen. „Du kannst aufsteigen oder zugrunde gehen. Ich habe viel Zeit mit Zugrundegehen verbracht. Nun versuche ich zu fliegen.“ Ihr schmales Werk, ergänzt durch einige Youtube-Videos, ist es wert, Ton für Ton entdeckt zu werden.

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