5 April 1993 – Eddie van Halen live in der Frankenhalle, Nürnberg.
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5 April 1993 – Eddie van Halen live in der Frankenhalle, Nürnberg.

Zum Tod von Eddie Van Halen

Ein, zwei, viele Eddies

  • vonPhilipp Kause
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Der eigensinnige und innovative Gitarrist Eddie Van Halen ist 65-jährig gestorben.

Ausgerechnet im größten Hit der Rock-Band Van Halen hatte ihr charakteristischer Gitarrist auf Synthesizer gesetzt. Beim weltbekannten „Jump“ regiert ein Modell der Marke Oberheim namens Xa, eine technische Innovation. Das polyphone Gerät zieht in Eddie Van Halens Heimstudio ein, ahmt mehrere Melodieverläufe simultan nach, filtert sie und verleiht ihnen eine warme Klangfarbe. Ein Radio-Hit wird geboren, Urheber ist ausgerechnet eine Band im Metal-Umfeld – 1984 ein seltenes Phänomen.

Die Synethesizer-Technik ist damals nicht Sache jedes Lederjacken-Trägers. David Lee Roth, der die Nummer zu singen hatte, wehrt sich zuerst. Doch der enorme und zeitlose Erfolg gibt seinem Ko-Komponisten Eddie Van Halen Recht. „Jump“ reißt mit seinem In-medias-res-Einstieg und der hymnischen Hookline auch nachfolgende Generationen mit.

Zwar veröffentlichte die Familien-Combo Van Halen nur ein Dutzend Studioalben in fast fünf Dekaden. Doch sie steht für frische Sound-Innovationen. Der Song „Panama“ enthält das Aufheulen des Motors von Eddie Van Halens Lamborghini. Kein Song über den Konflikt am Panamakanal, der ein paar Jahre später erst eskaliert, Spaß statt Politik. Die Texte waren meist flach. Doch die Musik war edel, gleichzeitig dreckig, ihr Hauptzweck war das „Headbangen“.

Kraftvolle Unikate wie „Cabo Wabo“ trotzen immer noch der Patina. Auch viele Coverversionen strahlen durch die Riffs Eddie Van Halens: ob The Who, Roy Orbison, Marvin Gaye neu dargeboten wurden. Das meiste schrieb die Gruppe aber selbst, auch „Right Now“, vor 28 Jahren die letzte große Überflieger-Nummer.

Van Halen startet als Band um die beiden Brüder Eddie und Alex. Der Papa inspiriert: Den Zweiten Weltkrieg übersteht er als Armeesaxophonist. Als Kind unterstützt Eddie den Vater, der sich noch beim Auswandern via Schiff am Klavier etwas hinzuverdiente. Alexander Van Halen ist der ältere Sohn, er trommelt seit 1972 bei der Band. Eddies Sohn Wolfgang hat in der letzten Phase seit 2006 mitgemacht, Eddie hat seine Leidenschaft fürs Leben auf Tournee offensichtlich weitergegeben.

Man kann die Bandgeschichte überhaupt in mehrere Phasen unterteilen, je nachdem, ob gerade David Lee Roth oder Sammy Hagar am Mikrofon stand, eine Aufgabe, die Eddie Van Halen schon vor den ersten Aufnahmen übertrug. Ein Einschnitt war aber auch, ob die Gruppe sich auf den Gitarre-Bass-Schlagzeug-Sound verließ oder, zeitgemäßer, die von Eddie gespielten Keyboards hinzunahm. Tastentöne finden sich ab dem dritten Album, es ist eine neue Klangfarbe im Hard-Rock-Milieu.

Eddie Van Halen, 2015.

Lautstärkejustierungen im laufenden Spiel sorgen für den räumlichen Eindruck eines Näherrückens und Sich-Entfernens der Stromgitarren-Schübe. Besonders gut kommt dieses Zuckeln zwischen den Lautstärke-Tiefs und -Hochs in „Ain’t Talkin’ ’Bout Love“ zur Geltung. Die Riffs wirkten nur selten glatt, meistens stolpernd und aus der Garage-Welle der 60er gespeist: Van Halen gründeten sich in Pasadena, Kalifornien. Die lokale Szene dort hatte viel von der schnoddrig geschrammelten Gitarrenmusik zu bieten, die psychedelisch, hart, kantig und anarchisch scheppernd daherkam. Effektgeräte verzerrten dann bei den Van Halens den Sound ins Düstere und Dumpfe, „Vintage“ würde man das heute nennen, im Fachjargon der 70er und 80er Jahre auch „Brown Sound“.

Das Nachhallen der Akkordschlusstöne, indem sie durch Phasen-Filter gezogen werden, erweckte immer den Eindruck, Van Halen seien mehr als drei, vier Leute, Eddie verströmte mit wenigen Zutaten und Mitteln eine überragende Präsenz. Nur ein Live-Mitschnitt kann wirklich einfangen, wie seine Griffe die Luft zerschnitten und zeitgemäße technische Effekte die Luftmassen mit Wucht vor sich herschoben.

Eddie Van Halen drang tief in die Möglichkeiten seiner E-Gitarre ein. So schaute er gerne von oben aufs Griffbrett. Um dies konstant zu ermöglichen und den Sechssaiter trotzdem bequem halten zu können, montierte er ein Unterbau-Brett fast im 90 Grad-Winkel und ließ es sich patentieren.

Sein Produzent Ted Templeman hat einmal die spielerischen Fähigkeiten des Autodidakten Eddie Van Halen mit denen von Johann Sebastian Bach verglichen. „Classic Rock“ eben. Der Tod von Edward Lodewijk Van Halen mit nur 65 Jahren ist ein großer Verlust. Er starb am Dienstag an Kehlkopfkrebs.

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