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Zum Tod der Country-Musikerin Loretta Lynn – Das Heft in der Hand behalten

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Von: Harry Nutt

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Loretta Lynn ist tot.
Loretta Lynn ist tot. © dpa

Die Country-Ikone Loretta Lynn aus Kentucky ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

Viele Fotos zeigen Loretta Lynn als ältere Dame auf ihrem Anwesen in der Nähe von Nashville, das längst zu einem Museum ihrer langen Karriere geworden war. Gitarren, Goldene Schallplatten, pokalartige Auszeichnungen. Loretta Lynn trägt dazu ein wallendes Kleid, mit Rüschen und glitzernden Aufsätzen. Ihre Glanzzeit als Country-Ikone hat früh begonnen und endet auch nicht durch ihren Tod am Dienstag im Alter von 90 Jahren. Kaum jemand hat das Country-Genre derart prägnant verkörpert und mehrfach neu belebt wie die 1932 in eine Bergarbeiterfamilie in Butcher Hollow in Kentucky hineingeborene Loretta Lynn.

Das Image einer „Coal Miner’s Daughter“ – so auch der Titel einer Autobiografie und eines späteren Films – trug sie stolz vor sich her, obwohl ihr Vater zunächst gar nichts von der Musikleidenschaft wissen wollte.

„Alle in Hollow können dich hören“, hielt er ihr vor, wohl nicht zuletzt aus Scham gegenüber dem Bedürfnis seiner Tochter, sich darzustellen. Loretta aber gab kess zurück, die Leute aus Hollow seien doch ohnehin alles Cousins und Cousinen. Den traditionellen Zwängen ihrer Umgebung versuchte sie mit Fleiß und Ehrgeiz zu entkommen. Loretta Lynn heiratete bereits mit 15, zog sechs Kinder groß und veröffentlichte mehr als 70 Alben. Allein die statistische Bilanz ihrer Laufbahn ist erdrückend. Sie schrieb mehr als 160 Songs und platzierte 27 Nummer-1-Hits in den Charts.

Entgegen der landläufigen Meinung, dass Country deckungsgleich sei mit den Bedürfnissen einfacher und konservativ bis reaktionär denkender Leute nach Tradition und Bodenständigkeit, wurde Loretta Lynn schon in den 60er Jahren zu einer markanten Stimme weiblicher Selbstbestimmung. Ein früher Hit wie „Don’t Come Home a Drinkin’“ bringt klar zum Ausdruck, dass es weniger darum geht, aus patriarchalischen Familienverhältnissen auszubrechen als in diesen das Heft in die Hand zu nehmen. Das Aufgreifen feministischer Themen mündete bei Loretta Lynn nicht in gesellschaftspolitischer Eindeutigkeit. Propagierte sie in „The Pill“ das Recht auf Verhütung, so droht sie in dem Song „Fist City“ Nebenbuhlerinnen, die es wagen, ihrem Mann nachzustellen, Prügel an.

Während die jüngeren männlichen Country-Stars wie Willie Nelson, Waylon Jennings und Kris Kristofferson sich in den 70er Jahren zur rebellischen Outlaw-Bewegung formierten, hielt Loretta Lynn an ihrer durch ihre exquisite Songschreiberei geprägten Eigenständigkeit fest. Von ihrer musikalischen Neugier zeugt auch ein Album, das sie 2004 zusammen mit Jack White von den White Stripes aufgenommen hat. Einen hinreißenden Eindruck ihrer künstlerischen Grandezza erhält man aus dem Duett „Lay Me Down“ mit Willie Nelson. Die Welt werde sich weiterdrehen, heißt es darin. Und wenn sie mich beerdigen, habe ich meinen Frieden mit ihr gemacht („I’ll be at peace, when they lay me down“).

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