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Eine Triumphmusik begeistert die christliche Welt: Partitur-Handschrift der ersten Aufführung des „Messias“ jenseits der britischen Inseln, in Italien.
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Eine Triumphmusik begeistert die christliche Welt: Partitur-Handschrift der ersten Aufführung des „Messias“ jenseits der britischen Inseln, in Italien.

Oratorium

Händels „Messias“: Zerschlag sie!

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Zum Tag der Auferstehung des Herrn ein zwiespältiger Blick auf Händels „Messias“.

Georg Friedrich Händels „Messias“, ein Oratorium in drei Teilen für Soli, Chor und Orchester, wurde am 13. April 1742 in Dublin uraufgeführt. Unter den Zuhörern saß der englische König Georg I., der beim Halleluja so ergriffen gewesen sein soll, dass er aufsprang, was die anderen Menschen im Saal ihm nachtaten. Seitdem ist es mancherorts Brauch, an dieser Stelle sich zu erheben. Eine Verneigung vor dem Komponisten.

Blickt man auf den Text und hat man die Musik im Ohr, kann man sich vorstellen, dass ein gekröntes Haupt sich angesprochen fühlt von den Zeilen „The kingdom of this world is become the kingdom of our Lord, and of his Christ, and He shall reign for ever and ever ... .“ – „Das Königreich dieser Welt ist zum Königreich unseres Herrn und seines Christus geworden, und er wird regieren auf immer und ewig ... .“ Wer jemals den „Messias“ gehört hat, dem ist dieser Chor des „for ever and ever“ nie wieder aus dem Ohr gegangen.

Es sind Verse aus der Offenbarung des Johannes. Autor des Textes des „Messias“ ist Charles Jennens (1700-1773). Autor ist eine in die Irre führende Bezeichnung. Jennens hat Stellen aus dem Alten und Neuen Testament zusammengestellt, kein einziges Wort hinzugefügt. Der Text folgt den Versionen der King-James-Bible und des Book-of-Common-Prayer. Beide Bücher lagen, seit sie Anfang des Jahrhunderts in billigen Ausgaben zu haben waren, in nahezu jedem Haushalt. Die religiösen Auseinandersetzungen hielten das Interesse wach. Jeder wollte Gottes Wort kennen.

Man muss sich vorstellen, dass das Publikum die Texte mitgesummt hat. Ihm wurde nichts Neues vorgestellt, sondern das Vertraute durch die Musik noch näher gebracht. Kein Satz, bei dem die Mehrheit des Publikums nicht nachvollziehen konnte, wie es weiterging. Der Verheißung des Propheten Jesaja aus dem Alten Testament folgt die vom Evangelisten Lukas geschilderte Erfüllung. Dem Chor „For unto us a child is born, unto us a son is given, and the government shall be upon His shoulder; and His name shall be called Wonderful, Counsellor, the mighty God, the Everlasting Father, the Prince of Peace.“ (Luther-Übersetzung: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; er heißt Wunderbar, Rat, Held, Ewig-Vater, Friedefürst“) schließt sich an: „There were shepherds abiding in the field, keeping watch over their flocks by night“ – „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.“

Das ist die Botschaft des „Messias“: Träume gehen in Erfüllung. Was nur eine Verheißung war, ist wahr geworden. Der Messias, von dem die Propheten sprachen, ist wirklich gekommen.Er hat die Welt erlöst. Christen nennen sich die, die das verstanden haben. Sie müssen nicht mehr warten auf ihn. Sie können ihn loben und preisen. Wie Jennens und Händel es tun mit ihm ihrem Werk. Das Händel übrigens in 24 Tagen im August und September 1741 schrieb. In einem Raptus.

Die Musik besteht nicht wie der Text nur aus Zitaten – etwas von dem Walter Benjamin sein Leben lang träumte –, aber auch sie ist voller Anspielungen. Zum Beispiel auf Philipp Nicolais (1556–1608) „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ oder sein „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Wer regelmäßig den Gottesdienst besucht, erkennt sie auch auch heute noch. Sie bauen die Zuhörer*innen auf. Das Sternchen schließt die geschlechtslosen Engel diesmal mit ein. Das „Halleluja“ klingt, als würde es von aller Kreatur gesungen.

„Halleluja“ kommt aus dem Hebräischen und heißt: „Lobet Gott“. In den Psalmen des Alten Testaments findet es sich, so entnehme ich Wikipedia, 23-mal.

1741 arbeitete Händel an seiner letzten italienischen Oper. Ein Genre, das ihn nicht nur als Komponisten, sondern auch als Opernunternehmer zu einem reichen Mann gemacht und immer wieder auch in den Ruin getrieben hatte. Daneben schrieb er schon seit 1732 Oratorien. „Saul“ und „Israel in Egypt“ waren 1739 mit großem Erfolg aufgeführt worden. Die italienische Oper war – der Publikumsgeschmack hatte sich geändert – zu einem hochriskanten Geschäft geworden. Als Händel aus Dublin der Auftrag für ein Oratorium erreichte, ließ er ab von „Deidamia“, dessen Hauptattraktion Achill in Frauenkleidern war, und wandte sich dem „Messias“ zu.

Der hatte in Dublin solchen durchschlagenden Erfolg, dass Händel sich ganz aufs Oratorium warf und keine Oper mehr schrieb. Insgesamt soll er 42 Opern und 25 Oratorien geschrieben haben. Das Oratorium, das uns heute als fromm erscheint, war damals heftig umstritten. Es gab Gläubige, die fanden es nicht richtig, dass Gottes Wort in einem Konzerthaus gesungen wurde, von Stimmen, die sonst Heidnisches, Gotteslästerliches sangen. Je inniger und reiner das Gotteswort klang, desto verlogener erschien es den Ohren dieser Frommen. Wir machen es uns sehr leicht, wenn wir herabsehen auf diese Puristen, die fanden, die Sache selbst lasse sich nicht trennen von der Umgebung, in die sie gestellt wurde. Wir können sie nicht kritisieren und gleichzeitig Duchamp – wenn er es denn war – preisen dafür, dass er ein Pissoir zum Kunstwerk machte, indem er es in ein Museum stellte.

Das am Ende des zweiten Teiles stehende „Halleluja“ klingt nicht wie ein „Lobet Gott“, sondern es ist einer der beeindruckendsten Triumphgesänge der europäischen Musikgeschichte. Es ist ein Aufputschmittel. In einem Bericht über dessen Wirkung bei der Uraufführung heißt es also, bei den Worten „Hallelujah: for the Lord God Omnipotent reigneth“ („Halleluja, denn der Herr, der allmächtige Gott, herrschet“) seien alle zusammen mit dem König aufgesprungen vor Begeisterung. Was genau aber war passiert? Vielleicht liest man den Text zu schnell auf den anwesenden König hin. Vielleicht ging es gerade nicht um ihn. Vielleicht riss das Publikum aus den Sitzen, dass nicht mehr der König, sondern Gott selbst regieren sollte. Und dass nicht einfach, weil Gott es so sagte, sondern weil er gekämpft hatte.

Dieses erste Halleluja schließt an an eine Passage, in der der Tenor Psalm 2, Vers 9 singt: „Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen; wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen.“ Der Messias ist nicht das liebe Jesulein. Er ist ein Kriegsheld, einer der Schluss macht mit den Feinden Gottes. Was die Leute von den Sitzen riss, war die Vorstellung Sieger zu sein. Ein für alle Mal. „For ever and ever.“ Wenn der allmächtige Gott selbst regiert, dann ist das Ende der irdischen Regime erreicht. Das ist die Botschaft von Händels „Messias“.

Zu ihr gehört, dass nicht alle erlöst werden. Die Feinde Christi müssen erst zerschlagen, vernichtet werden. Erst dann kann das Gottesreich errichtet werden, in dem es keine Widersprüche mehr gibt. „Halleluja!“

Wer sind diese Feinde? Der kanadische Musikwissenschaftler Michael Marissen hat das eindrucksvoll erklärt in seinem 2014 erschienenen Buch „Tainted Glory in Handel’s Messiah – The unsettling history of the world’s most beloved choral work“ (Yale University Press). Die Feinde – das sind auch die Juden. Der Triumph ist auch der über das einst auserwählte Volk. Gott hat sich ein neues Volk erwählt: die Christen. Das Wort „Jude“ taucht im ganzen „Messias“ nicht auf. Dennoch ist die Botschaft eindeutig.

1290 hatte König Eduard I. die Juden aus England vertrieben. Unter Oliver Cromwell durften 1655 erstmals wieder Juden nach England einwandern. Es blieben immer wenige. Nicht zu vergleichen mit ihrem Anteil an der Bevölkerung in vielen Staaten Mitteleuropas. Marissen geht auf die Lage der jüdischen Bevölkerung in Händels England und Irland nicht ein. Er analysiert das Libretto und arbeitet heraus, was jedes Wort darin meint, worauf es anspielt. Warum es zum Beispiel in Jennens’ Libretto heißt: „Why do the nations so furiously rage together...“ („Warum rasen die Völker so wütend ...“), während doch in der Bibel von „Heiden“ die Rede ist. Der von Jennens häufig zu Rate gezogene Bibelexeget Henry Hammond (1605-1660) hatte in seinem Kommentar zu Psalm 2 erklärt, es gehe bei dieser prophetischen Stelle um die Verschwörung von Römern und Juden gegen Christus. Hier müsse also eigentlich Nationen und nicht Heiden stehen.

Jennens und Händel erzählen die Geschichte des Messias als dessen Siegeszug gegen seine Leugner, gegen die also, die ihn nicht als den Heilsbringer anerkennen. Die Schönheit der Musik Händels ist befleckt von den Absichten, die sie verfolgt. Gepriesen wird eine Gesinnungsdiktatur, die auf den zerschlagenen Knochen ihrer Gegner errichtet wird.

Wir lieben diese Musik. Wir erliegen ihr. Das ist schrecklich. Aber es ist wichtig zu begreifen, dass es keine reine Schönheit gibt. Wenn wir versuchten, sie zu bekommen, wären wir mit der Herstellung einer neuen Diktatur beschäftigt. Es gibt keinen Ausweg. Es gibt nur unsere Liebe und unsere Kritik an ihr.

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