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Zum 100. Geburtstag von György Ligeti: Knatternde Metron-Wolke

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Von: Bernhard Uske

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György Ligeti.
György Ligeti. © IMAGO/piemags

HR-Konzert zum 100. Geburtstag György Ligetis. Von Bernhard Uske

Wäre der Jubilar doch bei seinen Anfängen geblieben! Am Ende des HR-Sinfoniekonzerts in der Alten Oper aus Anlass des 100. Geburtstags György Ligetis gab es nämlich nach vielen anderen Stücken des Avantgardisten ein frühes Werk des in Diciosanmartin Geborenen: „Concert Romanesc“ von 1951. Ein naturgemäß noch in der Blase des Sozialistischen Realismus steckendes Stück, das die typischen Quotenbringer der damaligen Doktrin enthielt: Folklore, deftige Rhythmik und den Duktus fasslicher Tonalität. Da jubelte das Publikum frenetisch.

Im avantgardistischen westlichen Milieu hatte der Komponist später das rhythmische Moment minimalisiert und verfremdet, das harmonisch-melodische in Ton-Konglomerate transformiert, ein theatralisch-sarkastisches Moment ausgebildet und holprige idiomatische Polyphonie kreiert. Von „Atmosphères“ (1961) über „Clocks and Clouds“ (1973), „Hungarian Rock (Chaconne)“ (1978), „Aventures“ (1962) bis zu „Hamburgisches Konzert“ (2003). 16 Programmpunkte galt es im Großen Saal zu absolvieren.

Den Konzert-Prolog bildete die Aufführung des „Poème Symphonique“ (1962) für 100 Metronome, die eine knatternde und tickende Metron-Wolke im gesamten Saal schufen. Hier konnten sich Taktellbesitzer mit eigenem Gerät beteiligen. Schade, dass die Projizierung einzelner Taktmaschinen auf die über dem Orchester hängende Großbildleinwand die Wahrnehmung (während des gesamten Konzertverlaufs) fixierte und die unvorhersehbaren Sukzessionsverwischungen und -konzentrationen des tickenden Kosmos‘ zur bloßen Untermalung der Bilder, auf die alle starrten, degradierte: Live-Streaming im Konzertsaal.

Chefdirigent Alain Altinoglu, den man in einem Ausschnitt von „Volumina“ für Orgel auch als Solisten bewundern konnte, schlug mit seinem Orchester bei „Atmosphères“ Assoziationen an Klangwolken und -flächen aus und setzte auf klangmassigen Verlauf. Mahan Esfahani beeindruckte mit einer stoischen Exekution rasend-minimalisierter Figuren auf dem Cembalo. Ebenso glänzte Marc Gruber im vorletzten Werk Ligetis, dem „Hamburgischen Konzert“ mit feinen Natur- und Flügelhorn-Klangbögen. Nicht wirklich erschloss sich die Einfügung von Teilen einer Palestrina-Messe aus dem 16. Jahrhundert in den Programmablauf. Wohl aber die makellose und nicht zu engelsgleiche Kontur, die der auch bei einigen chorischen Ligeti-Werken gefragte Vocalconsort Berlin der Renaissance-Vokalität angedeihen ließ. Brillant und höchst gewitzt waren Sophia Körber, Marion Lebèque und Kamil Ben Hasain Lachirie, die die bizarre und komische Seite des 2006 Verstorbenen bei „Aventures“ in Szene setzten.

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