Alte Oper

Zonen der Sehnsucht

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Mahlers 10. Sinfonie von und mit Yoel Gamzou beim Museumskonzert in der Alten Oper.

Die Evolutionstheorie kennt die Steigerung von ästhetisch-morphologischen Eigenschaften im Verlauf generativer Prozesse. Als Zunahme von Komplexität, dynamischer Reichweite oder Verfeinerung ist das auch innerhalb der Entwicklung eines Oeuvres zu erleben: vom einfachen Beginn zu immer dichteren oder ausladenderen Formaten. So auch bei Gustav Mahler, wo sich spätestens von der 5. Sinfonie an die vielstimmige Faktur seiner Werke immer stärker entwickelte. Nach solcher Logik müsste die mehr oder weniger als Skizze und Particell vorhandene 10. Sinfonie, vor deren Fertigstellung der Komponist 1911 starb, ein noch höheres Maß an Vielgestalt besitzen als die 9. Sinfonie.

Versuche, dem Mangel des Fragmentarischen abzuhelfen, hat es mehrere gegeben, und die jüngste ist die des 31-jährigen israelischen Dirigenten Yoel Gamzou. Im Museumkonzert in der Alten Oper Frankfurt stellte er sie vor. Seit zwei Jahren ist Gamzou Generalmusikdirektor in Bremen, ein glühender Mahler-Adept, der in der 10. Sinfonie ein kathartisches Potential sieht: ein Manifest des Verlusts der tradierten Tonalität und der Hoffnung auf „eine Zukunft, in der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit ein untrennbarer Teil unserer Existenz wird“.

Im Gegensatz zu früheren Komplettierern sieht Gazou offensichtlich die Zehnte auf der evolutionären Bahn, denn das Maß an Verdichtung und sich überbietender Heterophonie ist gigantisch. Mit teilweise die Chaotik der 6. Sinfonie aufgreifender Gewalt rast das Geschehen dahin, um sich streckenweise in langen Zügen zwischen den typischen Mahlerschen Sehnsuchts- und Transzendenzzonen zu bewegen. 

Es war sehr gut, dass Gazou nicht versucht hat, eine sich als original missverstehende Haltung des „wie es eigentlich gewesen ist“ einzunehmen. Stattdessen wurde versucht, einen fragmentierten Organismus mittels Blutspende zu bewegen und mit der Infusion des eigenen Lebenssafts so viel wie möglich von der DNA des anderen in der klingenden Ausprägung zu vitalisieren. Eine sinfonische Mutation, die vieles an Wahrheit der kompositorischen Intentionen und vieles an Wahrhaftigkeit in der Beziehung zu ihrem Geburtshelfer offenbart.

Das sich Überschlagende, das Schrille, das Abpressende des Ausdrucks als Schalldruck, die apokalyptischen Schlagzeugpartien – das wurde als Evolution des Mahlerschen Kosmos kenntlich. Dem gaben die Mitglieder des Museumsorchesters achtzig Minuten lang alles. Überragend die tiefen Streicher, phänomenal die Hörner, die Bläser allesamt, das geforderte Schlagzeug. Der Spätgeburtshelfer hielt die Spannung die gesamte Zeitstrecke aufrecht. Eine Verausgabung in Sachen musikalischer Krisen-Libido, die schwer beeindruckte.

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