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Zoe Wees in der Batschkapp: Von der Ballade zum Bombast

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Von: Stefan Michalzik

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Singt Bekenntnislieder: Zoe Wees. Foto: Sarah Pernt/Semmel Concerts
Singt Bekenntnislieder: Zoe Wees. © Sarah Pernt/Semmel Concerts

Kitschalarm bei Zoe Wees’ Konzert in der Frankfurter Batschkapp.

Als „die Frau der Stunde“ wird Zoe Wees im Pressezettel ihrer Konzertagentur apostrophiert, und das ist, am Erfolg gemessen, nicht übertrieben. Ein Debütalbum hat die 2002 in Hamburg geborene Popsängerin bislang noch nicht herausgebracht, nur eine Handvoll Singles und EPs, gleich die erste, „Control“, hat ihr 2020 einen internationalen Hitruhm beschert.

Zoe Wees scheint sich als manifester Beleg dafür anzubieten, dass sich etwas tut im chartorientierten Segment der Popmusik im Hinblick auf Diversität und Abweichung von der Körpernorm: Sie ist eine People of Colour, ihr Körper ist füllig. Das ideale Gesicht für die vor einem Jahr ausgerufene „Equal“-Kampagne, mit der sich Spotify die Gleichberechtigung von Frauen im Musikgeschäft auf die Fahnen geschrieben hat. Unter all den Rising-Star-Positionierungen wohl die prominenteste ist die Listung im US-amerikanischen Businessmagazin Forbes unter den „Forbes 30 Under 30“. Da rangiert Wees nun in einer Liga mit beispielsweise Greta Thunberg.

Schnell offenkundig wird beim Konzert in der Frankfurter Batschkapp im Zuge von Zoe Wees erster Konzerttournee das stereotype Aufbauprinzip eines Großteils ihrer Songs. Sie beginnen balladesk, gern mit E-Piano oder Akustikgitarre, recht schnell schwenken sie um ins pauschal Bombasthymnische. Im Vergleich zu den mit Elektrobeats versehenen radiobekannten Aufnahmen stellen sich die Songs ungewohnt rockig dar, samt der E-Gitarre in der Hauptrolle. Selten nur, für ein paar Akustikballaden, wird die stereotype Struktur durchbrochen.

Bei den Texten handelt es sich zumeist um Bekenntnislieder, um durchstandenes Leid. In ihrer Kindheit hatte Zoe Wees mit Rolando-Epilepsie zu kämpfen, „Control“ handelt davon. In der Ansage zu der Nummer „Girls Like Us“ lässt die einstige Voice-Kids-Teilnehmerin anklingen, was sie in den vorgeblich sozialen Medien alles über sich ergehen lassen musste, was alles nicht an ihr stimme. Sie singt von der einmaligen Begegnung mit dem abwesenden Vater („Daddy’s Eyes“) und dem schmerzlichen Verlust der Urgroßmutter („Hold Me Like You Used To“). Das wirkt, verstärkt noch durch die Ansagen, alles sehr persönlich. Zugleich allerdings ist das Durch-Krisen-hindurch-Gegangensein ein zum Klischee gewordenes Narrativ in der offen chartsorientierten Popmusik. Der Kitsch ist nicht fern. Ihre Songs schreibt Zoe Wees im Übrigen im Team mit angeheuerten Songwritern.

Unbestritten, dass die Songs für Zoe Wees ein Mittel der Lebensbewältigung darstellen. Unbedingt betont sei, dass sie durchaus sympathisch rüberkommt. Sie wirkt „authentisch“ – jedenfalls im Sinne der Scheinbarkeit von Popmusik. Das macht das Pfund ihrer „Starqualität“ aus.

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