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Zoe Wees beim W-Festival in Frankfurt: Mädchen wie sie

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Von: Marcus Hladek

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Auf ihrer ersten Europa-Tournee: Zoe Wees beim W-Festival in der Alten Oper Frankfurt.
Auf ihrer ersten Europa-Tournee: Zoe Wees beim W-Festival in der Alten Oper Frankfurt. © Daniel Schrick

Zoe Wees ist beim W-Festival in der Frankfurter Alten Oper zu erleben.

Anders als Rebekka Bakken oder Annett Louisan war Zoe Wees beim 10. W-Festival in der Alten Oper Frankfurt für viele noch von Grund auf zu entdecken. Dabei hat die als Newcomerin prämierte Künstlerin, die ihren Sound als traurigen, dunklen Pop beschreibt und im April schon in der Batschkapp auftrat, längst in US-amerikanischen Late Night Shows gesungen und gilt in weiten Teilen der Welt als jüngstes „German wunderkind“.

Alles wahr, und doch: nach ihren Anfängen auf TikTok und Instagramm und Wees’ Teilnahme an „Voice Kids“ erschien ihre Debütsingle „Control“ gerade mal im März 2020, die nächsten, „Girls Like Us“ und „Ghost“, dann 2021. Das war mitten im Pandemie-Loch, als an Live-Auftritte nicht zu denken war, und doch: hier ist sie, scheinbar urplötzlich, als ein deutscher Weltstar von 20 Jahren, die in ihrer ersten Europa-Tournee steckt.

Nun also das den Frauen gewidmete W-Festival, und ja: das passt. Ihr Song „Girls Like Us“ besingt die starke Frau und, neudeutsch gesagt, das female empowerment. Da sich in der Alten Oper wirklich auffällig viele Mädchen einfanden, Elf- und Dreizehnjährige, die gegen Ende an der Bühne scheu Fingerberührungen mit der Sängerin austauschten, kommt die Botschaft hoffentlich bei genau denen an, denen sie am meisten hilft.

Selbstbewusstsein tanken

Emanzipation hat viele Aspekte, auch den in „Girls Like Us“ besungenen einer Wendung gegen männlich auferlegte Schönheitsideale. Die geborene Hamburgerin hat selbst mit ihrem Körperbild gehadert, bis sie dahin gelangte, sich so zu akzeptieren, wie sie ist. Sie zeigt sich als starke Persönlichkeit zwischen Queen Latifah und Billie Holiday. Sich eine ureigene Schönheit zu geben und Selbstbewusstsein zu tanken, gelingt ihr so herausgehoben, dass sogar die „Vogue“ sie nach der „emotionalen Kraft von neonbuntem Haar“ befragte. Vom Gefühl aus Schulzeiten, ein „Weirdo“ zu sein, das vom mehrjährigen Leiden an der jugendspezifischen „Rolando“-Epilepsie genährt wurde, zum Modevorbild: welch bewundernswerte Entwicklung.

Die knielangen Neon-Zöpfe baute sie in Frankfurt in die Show ein, ein paar Mal griffen die vier Livebandmusiker und zwei Background-Damen nach diesen roten Medusen-Haaren und gaben ihrem Markenzeichen Raum. Nach dem eher folkigen Vorprogramm mit Anica Russo boten die siebzig Minuten, die Wees bestritt, eine Menge starker Musik. Authentisches musikalisches Gefühl zu Texten, die aus ihrem teils harten Erleben schöpfen, machen Zoe Wees aus, was mit der rauchig-dusteren, oft bewusst verschleifenden Stimme als perfektem Instrument zusammengeht.

Ihr ungeschminkter Stil mit R’n’B-Quellen und spannungsvollen Songdramaturgien scheut kein Pathos, kennt Höhenflüge und überlässt das Lichte und Hellartikulierte manchmal den Pianoklängen. Rund 18 Titel umfasste die Setlist, mit „You Broke Me First“ als Finale mit einem Billie-Eilish-Feeling, das glatt für den nächsten James-Bond-Titelsong qualifizieren würde. Der käme dann aus Hamburg-Dulsberg.

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