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Sprechkonzert, hier mit Paul Grill, Katharina Matz, Almut Zilcher, Linn Reusse (v.l.n.r.)

Deutsches Theater Berlin

Zementierte Ohnmacht

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Stephan Kimmig klemmt im Deutschen Theater dem Stück „Hekabe“ den Saft ab und macht ein artifizielles Sprechkonzert daraus.

Die klassische Musik ist gefangen in der Konzertsituation. Vorn sitzen die Leute an den Instrumenten hinter ihren Pulten, im Saal die disziplinierten Zuhörer. Das gilt einerseits als langweilig und elitär, andererseits scheitern die Versuche, dieser Situation zu entrinnen, oft kläglich. Hinzufügungen oder Änderungen am Arrangement werden als Kokolores kritisiert, der vom Eigentlichen, von der Essenz einer solchen Veranstaltung ablenkt – der Musik. Im vergleichsweise freien Schauspiel stehen dagegen die Grundabmachung und die Spielregeln jedes Mal neu zur Diskussion.

Nun hat der Regisseur Stephan Kimmig im Deutschen Theater „Hekabe“, einen Abend über Trojas Frauen, ausdrücklich als „Konzert“ inszeniert. Die Vorderbühne ist mit hellen Holzwänden hermetisch abgeteilt. Die drei Schauspielerinnen – Vertreterinnen dreier Generationen: Katharina Matz, Almut Zilcher und Linn Reuse – sowie als männliche Gegenstimme Paul Grill stehen hinter Notenpulten vor aufgeklappten Klemmmappen.

Singen werden sie nicht, sondern sie denken, lesen nur selten ab, sprechen und blättern um. Manchmal erstarren sie, gehen ein paar Schritte in die Tiefe oder drehen sich weg. Manchmal glitzert ein sadistischer Funken in den Augen und manchmal schließen sie sich im Schmerz. Oder es wird ein unerträglicher Gedanke brüllend oder lachend ausgeschieden.

Es soll also technisch und trocken bleiben und essenziell werden an diesem Abend. Das Drama soll sich in Klang und Sinn der Rede entfalten, in der Partitur, nicht, oder nur rudimentär, im Spiel, im Arrangement. Auch die Identifikation mit den Figuren soll keinen individuellen Halt bieten, die Rollen wechseln wahllos.

Mit zumeist rhythmisierten Texten von Homer und Euripides wird das erzählt, was der Heldengeschichte von der trickreichen Einnahme Trojas nach einem zehnjährigen Gemetzel folgt, wie die griechischen Sieger mit den Feinden umgehen, wie sie die Mauern Trojas schleifen, wie sie Beute machen, wie sie die Frauen vergewaltigen, versklaven, entführen und wie sie in Furcht vor später Rache Säuglinge ermorden.

Es soll das Drama der Dulderinnen erzählt werden, die – damit es ihr Drama werden kann – zu Handelnden werden müssten. Die also die Macht über ihre erst von den Griechen zerstörte und dann umgedeutete Lebensgeschichte wieder an sich reißen wollen – vielleicht ist das ja die tief in die Seele eingeschriebene Funktion von Rache, die doch so widersinnig erscheint, weil sie die Gewaltspirale nur immer weiter eskalieren lässt.

Vielleicht – jetzt sind wir wieder bei der Inszenierung – ist das der Grund, warum Kimmig den dramatischen Saft abklemmt, ausgerechnet wenn die Frauen mal dran wären. Die weiblichen Figuren sind stark, aber von alters her doch zu Passivität verurteilt: Andromache, die mitansehen muss, wie Odysseus ihren Säugling töten lässt. Kassandra, die den Gott Apollon verschmähte und deshalb zur Prophetin wird, der keiner Glauben schenkt. Polyxena, die über dem Grab von Achilleus geschlachtet wird. Und Hekabe, die fünfzig Kindern das Leben schenkt und alle im Krieg verliert.

Für den jüngsten, Polydor, der in der Obhut eines habgierigen thrakischen Schutzherrn stirbt, nimmt sie Rache. Wird dann aber von den Griechen mit Steinen beworfen und verwandelt sich zu einer schwarzen Hündin.

In dem Moment, in dem sie von der Trauernden zur Wütenden wird, sich zur Handelnden ihres Dramas emanzipiert, nimmt ihr der Mythos die Sprache. So hatte es Kassandra ihrer Mutter vorhergesagt: „Nur weil du glaubst, du bist am Ende,/ Ist es noch lange nicht vorbei./ Es gibt ein Unten, unter allem, für das/ Die Worte fehlen. Dann kommt Knurren.“ Oder es kommen dumpfe, wabernde, schlagende, schluckende, singende Klänge, die der Musiker Michael Verhovec mit Schlegel, Bogen, Händen und elektronischer Verzerrung an seinem mit Nägeln gespickten Tisch live generiert. Ausgerechnet diese illustrativ atmosphärische Musik lenkt neben ein paar knalligen Lichtwechseln bei diesem „Konzert“ von der Essenz ab, friedet sie ein im artifiziellen Rahmen.

Vorgeführt wird in diesem theaterfeindlichen Versuch die – im Programmheft klug kritisierte und beklagte – Machtlosigkeit der Frauen und der Kolonialisierten. Man wohnt frierend einer Zementierung bei, wo ein Ausbruch gut getan hätte.

Deutsches Theater, Berlin:28. Nov., 4., 7., 29. Dezember. www.deutschestheater.de

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