Frankfurt

Zauberers Schreibmaschine

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"The Tempest" von Thomas Adès, eine brillante Erstaufführung an der Oper Frankfurt: Ein Hort des Wunderbaren statt Opernzertrümmerung. Von Hans-Klaus Jungheinrich

Um das Musiktheater der Avantgarde macht Frankfurts Intendant Bernd Loebe eher einen Bogen. So fällt auf, dass Kultstücke wie Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern", Heinz Holligers "Schneewittchen", Hans Zenders "Don Quijote"-Puzzle oder Wolfgang Rihms "Hamletmaschine" hier nicht neuinszeniert, Aufträge an produktive Opernzertrümmerer nicht vergeben wurden. Loebe favorisiert andere Nuancierungen, worauf seine Britten-Pflege hindeutet. Ebenfalls aus England stammt "The Tempest" nach Shakespeares "Sturm", ein Sujet, das man in jeder Beziehung als einen Hort des Wunderbaren und der unüberholbaren poetischen Erkenntnis betrachten kann.

Der Komponist Thomas Adès ist im 39. Lebensjahr längst kein unbeschriebenes Blatt mehr; Simon Rattle interessiert sich lebhaft für sein Oeuvre. "The Tempest" wurde 2004 an Covent Garden uraufgeführt und brauchte immerhin glatte sechs Jahre bis zur deutschen Erstaufführung in Frankfurt. Frische Opernkost von den Inseln, schwer bekömmlich für den Kontinent? In der Tat las oder hörte man von hiesigen Uraufführungs-Beurteilungen, die, wie einst bei Britten, den Anteil von Neuton zu klein, den von Kulinarik zu groß fanden. Verkniffene Einschätzungen dieser Art waren in den heroischen Zeiten der Moderne vielleicht berechtigt; heute muten sie komisch an.

Unbefangen betrachtet, ist Adès´ Oper ein prachtvolles Meisterwerk und eine höchst ambitionierte Shakespeare-Neuinterpretation. Gegenüber der vor vier Jahren in Nürnberg uraufgeführten Sturmoper von Luca Lombardi - sie hieß bezeichnenderweise "Prospero" - konzentriert sie sich nicht einseitig auf den leidenden und weise werdenden Herzog von Mailand, sondern schickt eine komplette Elf über die Bühne. Sie transportiert überdies beträchtliche Textmengen, ohne dass übrigens die Musik ins Hetzen oder Hintertreffen geriete. Ruhe, Beschaulichkeit, Opulenz haben neben gekonntem Furor und effektvoller Chaosmusik ihren Platz.

Nach der exzellenten Exposition des ersten Aktes kommt der zweite, mit einer etwas turbulenten Mixtur aus Verwirrung und Auf-der-Stelle-Treten und mit großem Personenaufwand, dramaturgisch fast ein wenig ins Trudeln. Der dritte (und letzte) rafft sich dann wieder und bezaubert mit herrlichen Schlusslängen wie dem als archaisierende Passacaglia gestalteten Versöhnungs-Vokalensemble, dem weltweisen Monolog Prosperos und den epilogartigen Auslassungen Calibans (skandiert von spitzigen Vokalisen Ariels), die dem künftig wieder allein die Insel belebenden Gebrabbel der Geister die Ehre des mythischen Weiterspinnens gönnen.

Shakespeares "Sturm" vermittelt Gefühle des Schlingerns und der Verunsicherung; unbestimmt pendelt die Handlung zwischen ernst und heiter, hohem und ordinärem Stil, Zauberei und Realismus. All das gibt Anlass zu kräftigem, beherztem kompositorischen Eklektizismus, und so kann keiner Adès die Shakespeare-Treue und das "Sturm"-Feeling absprechen. Man könnte der Partitur eine Nähe zu Henze wie auch zu Britten nachsagen, zudem ein paar Affinitäten zu Janáceks insistierenden Espressivo-Patterns. Viel entscheidender aber wohl der Eindruck, dass Adès mit nachtwandlerischer Sicherheit die Facetten des Dramas erkennt, kommentiert, ausleuchtet, zu musikalischem Leben erweckt. Diese Kongruenz zwischen Handlung und Musik lässt die Frage nach Adès persönlicher Handschrift kaum aufkommen. Die Tonsprache verliert sich nicht im kurzatmig Textnahen oder Illustrativen, sondern tendiert immer wieder zu geschlossenen Formen und polyphonen Satztechniken. Das Instrumentalkolorit berücksichtigt grelle Effekte ebenso wie feinziselierte, gelegentlich auch nach "unerhörten" Schönheiten strebende Momente.

Nicht zuletzt schreibt Adès brillant für die menschliche Stimme. Auch da verhält er sich im Prinzip moderat und ohne die vokalstilistische Radikalität eines Sciarrino oder des späten Reimann. Am weitaus exaltiertesten ist die Partie des Luftgeistes Ariel (zunächst im Gouvernantenhabit, später schmetterlingshaft; Kostüme: Jorge Jara). Die Koloratursopranistin Cyndia Sieden, schlank und körpergewandt, hat das meiste in einer Extremlage jenseits des hohen C zu intonieren, und dass dabei weniger blühendes Belcanto herauskommt als Vogelhaft-Skurriles, versteht sich. Ein schönes Mirakel, wie bei so forciertem Vokal-Eskapismus im ersten Akt dann eine poetische Kostbarkeit wie das "Lied" entstehen konnte - einer der wenigen vorbildlosen, innovativen Musikmomente.

Mit schrillem Charaktertenor mischt sich der Caliban von Peter Marsh ins Geschehen. Als Liebespaar auf den ersten Blick gehen Miranda (betörend lyrisch: Claudia Mahnke) und Ferdinand (tenoral sicher: Carsten Süß) bald ihren eigenen Weg durch das Stück. Der bösartige Antonio (im Banker-Look: Michael McCown) entzieht sich dem Versöhnungs-Tableau und legt einen in seiner Vermotztheit schon wieder rührend auskomponierten Abgang hin. Seriös oder komisch oder irgendwie shakespearisch dazwischen Richard Cox, Simon Bailey, Sungkon Kim, Christopher Robson und Magnus Baldvinsson.Natürlich ist Adrian Eröds baritonaler Prospero auf weite Strecken dominierende Figur, scheinbar schwerelos in der Ausstrahlung eines Magiers, doch auch voller Wucht in seiner Diktion, in Stationen, die von Leidgeprüftheit über glückliche Rache bis zu großherzigem Verzeihen reichen - Distinktion vermittelnd in allem Pathos. Mit routinierter Hand arrangierte Regisseur Keith Warner die Szene und ließ vor allem bei der Hauptfigur Prospero keinen Zweifel, dass der Zauber aus dem Dichtwerk erwächst - Prosperos (und zuletzt sogar Calibans) Attribut ist die gute, alte Schreibmaschine, und die Handlung kodifiziert sich in auf den Boden verstreuten Manuskriptblättern, die zu Rate gezogen, mitunter auch (wenn es das Abschneiden eines bösen Plot-Fadens gilt) zerrissen werden. Auch der ansprechend verwendete Chor (geschult von Michael Clark) akzentuiert Ironie, indem er vom Blatt singt.

Mit einem durchbrochenen Würfel in Bühnenmitte als Spielzentrum hatte der Bildkünstler Boris Kudlicka zwar ein schlicht-praktikales Symbol für die "Quadratur des Kreises" gefunden, daneben aber gab es für die animierte Haustechnik noch allerlei Aufgaben, der entfesselten Schaulust zuliebe. Die Hörlust erlebte sich immer wieder angenehm angestachelt von der allen Differenzierungen und Schattierungen nachgehenden Orchesterleistung unter der inspirierten Leitung von Johannes Debus.

Oper Frankfurt: 15., 17., 23., 29. Januar, 6. Februar. www.oper-frankfurt.de

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