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Young Ensemble Academy in Frankfurt: Vielfalt auf offenem Grund

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Von: Stefan Michalzik

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Was bei den Meisterkursen der Young Ensemble Academy entstanden ist.

Über die Maßen gelitten hat bekanntermaßen die Kultur unter den Pandemiemaßnahmen, erst recht ungut gewesen ist die Situation für junge Ensembles, die gerade dazu angesetzt hatten, ihren Weg zu gehen. Für ebendiese, sagte Christiane Engelbrecht, die Geschäftsführerin der Internationalen Ensemble Modern Akademie, zu Beginn dieses Abends, ist die Young Ensemble Academy ins Leben gerufen worden, ein Meisterkurs für Ensembles.

Der herrliche Ort des Abschlusskonzerts war die in einem grünen Winkel am Rande des Frankfurter Stadtteils Oberrad gelegene Alte Seilerei. Die Fabrikhalle im naturbelassenen Zustand hat eine hervorragende Akustik. Offenes Portal, das Weinglas mit am Platz: ein mitnichten der Konzentration abträglicher Gegenentwurf zur Hermetik des konventionellen Konzertsaals.

Eine fernöstliche Anmutung

Von einem gleichnamigen Stummfilm sowie einer Dokumentation über die Vertuschung des sexuellen Missbrauchs in der polnischen Kirche angeregt hat Piotr Peszat „La Vie et La Passion de Jésus Christ“ (2021) geschrieben. Es ist dies eine Collagenmusik mit Sprachsamples und einer balancierten Symbiose der Instrumentalklänge von Spóldzielnia Muzyczna aus Krakau mit einer reduktionistisch-elektroakustischen Ebene.

Eine fernöstliche Anmutung ist den auf die fünf Elemente geprägten Stücken für Trio in „T.E.R.R.A.“ von der Slowenin Nina Šenk eigen, einer der Beiträge des belgischen Extended Music Collective. Dem Charakter einer Jazzimprovisation hingegen kommt „Biloxi Anapanasati“ von John Supko nahe, ein Stück mit dem amerikanischen Trio Else, if Else für Klavier, Kontrabass und Schlagwerk.

Nicht zwölf, sondern 72 Töne umfasste das mikrotonale Intervallsystem bei dem 2019 verstorbenen Hans Zender; eine Auswahl aus seinen „Modellen“ für variable Besetzung (1971-73) spielten sämtliche Teilnehmer in der Fassung von Uwe Dierksen gemeinsam mit dem Ensemble Modern. Mit seiner auf die Klanglichkeit fokussierten Spektralmusik gehörte der Franzose Gérard Grisey (1946-1998) zu den ersten Opponenten wider das in der Nachkriegsära dominierende Dogma des streng seriellen Komponierens. Schattierungsreichtum wie auch schroffe Kontraste sind die Kennzeichen von Griseys „Talea“ (1986), aufgeführt von den fünf Musikern des Pariser Ensembles Ecoute unter dem Dirigenten Fernando Palomeque.

Für das für diesen Abend in Auftrag gegebene Großensemblestück „Open Ground“ – mit sämtlichen 45 beteiligten Musikerinnen und Musikern – hat der irische Komponist David Fennessy ein Bruchstück einer überlieferten klassischen Melodie der bis ins 16. Jahrhundert zurückreichenden schottischen Highland-Dudelsack-Musik Piobaireachd zum Ausgangspunkt für eine von vier Perkussionisten angetriebene Textur gemacht, die stark an den musikalischen Minimalismus erinnert.

Außerordentlich durchweg das interpretatorische Niveau, mit einem feinen Sinn für klangsinnliche Intensitäten. Fünf Ensembles, zwölf Positionen, viereinhalb Stunden – dichter hätten sie kaum sein können.

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