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Yard Act „The Overload“: Ein Königreich, zuschanden geritten

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Von: Stefan Michalzik

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Yard Act.
Yard Act. © James Brown

Das nächste große Ding? Die Briten Yard Act und ihr umwerfendes Debüt „The Overload“.

Als das nächste große Ding werden Yard Act gefeiert. Dies, obwohl sie kein Exklusivrecht in Anspruch nehmen können, was die stilistische Orientierung an den Pioniertaten der britischen Postpunkband Gang of Four betrifft. Nach Gang of Four, die in den späten siebziger Jahren zu den ersten gehörten, die Funk und Punk übereingebracht haben, klang in den nuller Jahren in unterschiedlichen Spielarten eine Menge von Bands, von Franz Ferdinand und The Rapture über !!! und LCD Soundsystem bis Bloc Party. Auch danach gehörten Gang of Four weiter zu den Immer-wieder-gern-Gewählten in der ewigen Referenzhölle der Popmusik. Siehe zuletzt Sleaford Mods.

Und nun also Yard Act. Die Dringlichkeit, mit der das Quartett aus Leeds um die beiden Gründer, den Sänger und Texter James Smith und den Bassisten Ryan Needham, sowie Sam Shjipstone an der Gitarre und Jay Russell am Schlagzeug seine Songs ballert und rumpelt, wischt den Einwand „Alles schon mal gehört“ fort. Auch der ausgeprägteste musikalische Konservativismus kann die wunderbarsten Früchte tragen.

Hervorstechend auf „The Overload“, dem gerade erschienenen Debütalbum von Yard Act, sind prägnante Refrains; einige davon sind hymnisch im Sinne einer Punk-Attitüde. Mag die Musik auch perkussiv-funkig geprägt sein wie bei Gang of Four, Yard Act haben ein eigenes Format. Gang of Four, das war politisch motivierte Musik zur Zeit – und das gilt auch für Yard Act. Ihre Musik ist ein Kommentar zu unserer Zeit, launigen Humor und einen gewissen Zynismus inbegriffen.

Das Album:

Yard Act: The Overload. Zen Fc/Universal.

Elf Songs in kompakten 37 Minuten. Vorgetragen in nölig belferndem Sprechgesang, der sich lediglich an ganz wenigen Stellen kurz dem Rap annähert. Das Individuum, das Geld und der Kapitalismus – das sind die Motive. Der Song „Rich“ – Textzeilen: „It appears I’ve become so, so rich,/I’m literally drowning in it“ – lässt sich als launiger Kommentar auf die wundersame Mehrung des Reichtums in den beiden vergangenen pandemiegeprägten Jahren im schmalen oberen Segment lesen, derweil zahllose andere Menschen um Almosen zum ökonomischen Überleben nachsuchen mussten.

Was sie alle so tun

Er denke, gibt James Smith dem Album via Infozettel für die Presse mit, dass es sich um eine Platte „über die Dinge, die wir alle tun“ handle. „Wir sind alle so sehr mit dem System des Alltags verdrahtet, dass wir nicht wirklich über die Konstrukte nachdenken, die uns definieren.“ Vom „Bienenstockdenken“ spricht Smith weiter und davon, dass die Haltung „Ich bin links, also habe ich nicht unrecht“ zu nichts führe.

In „Dead Horse“ vergleicht James Smith England, „this once unstoppable isle“, angesichts von Brexit, Rassismus und Rechtsradikalismus mit einem zuschanden gerittenen Pferd, gefesselt in Idiotie und Dummheit. Und im Song „Land Of the Blind“ singt er mit Blick auf Premier Boris Johnson: „Wir sind das Land der Blinden, wo ein Einäugiger König ist und den Verstand verloren hat“.

Alles bitter – keine Zuversicht? Die letzte Hoffnung, heißt es in „Dead Horse“, bestehe darin, dass die einst große Nation ihren Humor nicht verloren hat.

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