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xPropaganda: „The Heart Is Strange“ – Getrieben vom Nachruhm

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xPropaganda gab es auch mal ohne X. Foto: Kaii Freytag
xPropaganda gab es auch mal ohne X. Foto: Kaii Freytag © Kaii Freytag

Das Album „The Heart Is Strange“ ist ein schönes Wiederhören. Von Jens Buchholz

Die Band Propaganda ist eine „Ach, die sind das!“-Band. Der Bandname sagt keinem etwas. Nicht einmal die Songtitel der Hits „Dr Mabuse“, „p:Machinery“ und vor allem „Duel“ bringen Licht ins Dunkel. Erst wenn man die Songs anspielt, kommt die Erleuchtung: „Ach, DIE sind das?“ Propaganda sind eine Synthiepopband, die in den 80er Jahren ähnlich klang wie Alphaville, Real Life oder die frühen Depeche Mode.

Aber jetzt wird es noch komplizierter. Das neue Album „The Heart Is Strange“ ist nicht von Propaganda, sondern von xPropaganda. Das kleine x macht den Unterschied. xPropaganda besteht aus Susanne Freytag und Claudia Brücken. Die beiden waren Mitglieder von Propaganda ohne x von 1983 bis 1990. Gegründet worden war die Band 1982 in Düsseldorf von Ralf Dörper nach seinem Ausstieg bei den Krupps. Er coverte mit Sängerin Susanne Freytag ein Stück der britischen Avantgardegruppe Throbbing Gristle, das bei einem deutschen Kleinstlabel veröffentlicht werden sollte. „Wir wollten weg von den amerikanischen Einflüssen“, erklärt Susanne Freytag im Interview mit dem britischen „Guardian“, „wir wollten eine neue Art der Identität für uns finden …“

Doch dann interessierte sich der Londoner Produzent Trevor Horn für die Band und beschloss, sie zu produzieren. Ein Artikel im „New Musical Express“ hatte sein Interesse geweckt. Horn ist der Mann hinter „Video Killed the Radio Star“, der Mann hinter Hits wie „The Look of Love“ von ABC oder „Relax“ von Frankie goes to Hollywood.

„Ich war schockiert“, erzählt Freytag. Weil sie der Ansicht war, sie sei gar keine richtige Sängerin, engagierte die Gruppe die Sängerin Claudia Brücken. Eine gute Entscheidung, denn gerade der Zusammenklang von Brücken und Freytag wurde zum Markenzeichen der Gruppe. Dann ging es nach London ins Studio von Trevor Horn.

Das Album

xPropaganda: The Heart Is Strange. Universal.

Er überarbeitete den Sound der Band. Er machte düstere Synthiepopstars aus der Düsseldorfer Krachmach-Avantgarde-Truppe. Ein britischer Kritiker bezeichnete das 1985 erschienene Debütalbum „A Secret Wish“ als „ABBA aus der Hölle!“. Es folgten zwei noch mäßig erfolgreiche Alben. Danach löste sich die Gruppe auf.

2018 taten sich Brücken und Freytag unter dem Namen „Duel“ wieder zusammen, um in London die Songs von „A Secret Wish“ live zu performen. „Es kamen Leute aus Mexiko, Japan und North Carolina, nur um uns zu hören“, erzählt Freytag. Der Nachruhm des Albums ist größer als der Erfolg bei seinem Erscheinen. Und da lag es nahe, neue Songs zu produzieren.

Zusammen mit dem Produzenten Stephen Lipson nahmen Brücken und Freytag neues Material auf. Diesmal als xPropaganda. Heraus kam das Album „The Heart Is Strange“. Lipson hat den Sound von „A Secret Wish“ in die 2020er transponiert. Schon die Vorabsingle „Don’t (You Mess With Me)“ war vielversprechend. Düstere 80er-Synthie-Sounds. Brücken singt, Freytag kommentiert – beide verzerrt. Kleine deutsche Textfetzen, eine verzerrte Wah-wah-Gitarre schleicht sich ein. Ein großartiger, mitreißender Song. Merkwürdigerweise klingen die beiden hier ein bisschen wie die Humpe-Schwestern auf ihrem 1987er-Album „Swimming With the Sharks“. Deren Song „Idiot“ klingt in seiner lückenlosen Instrumentalreduktion wie die Blaupause für „Don’t (You Mess With Me)“.

Das Album beginnt mit dem große Flächen ausbreitenden Sechsminüter „The Night“. Gerade als man denkt, es handle sich um ein Instrumentalstück, beginnt Brücken doch noch zu singen. Über weite Strecken klingt das Stück wie die Herb-Alpert-Songs der späten 80er. Ganz ähnlich bei „The Night“. Sehr dicht am alten Propaganda-Sound liegt dagegen der Song „The Wolves Are Returning“.

„The Heart Is Strange“ ist ein schönes und absolut willkommenes Wiederhören.

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