+
„Krähe, wunderliches Tier, / Willst mich nicht verlassen?“

„Winterreise“

Xavier Sabata „Winterreise“: Mission Dauerlamento

  • schließen

Der Countertenor Xavier Sabata begibt sich auf eine „Winterreise“ und steht wie Schuberts Wanderer zu sich selbst.

Der erste Ton, das erste Wort: Es lautet „Fremd“, und es befremdet sofort in dieser Aufnahme von Franz Schuberts „Winterreise“. Dabei liegt es gar nicht einmal an der reinen Höhe. Sicher, eine „Winterreise“ von einem Countertenor gesungen, das hat Seltenheitswert. Wobei Xavier Sabata, der auch als Schauspieler ausgebildete Katalane, nicht der erste Countertenor ist, der diesen Schubert-Zyklus in Alt-Lage singt. Jochen Kowalski hat das schon vor Jahrzehnten getan, und Zvi Emanuel-Marial realisierte 2014 die erste CD-Aufnahme.

„Ich bewerte die Charaktere nicht, bemitleide sie nicht“

Was befremdet, ist der Ton an sich. Countertenöre verstehen sich ja oft genug auf herrlich lineare Linien, und auch die Stimme von Xavier Sabata kann gerade Schärfe, das hat der Sänger auf seinen Barock-Alben wie dem Händel-Furor „Bad Guys“ hinreichend bewiesen. Da zeigt ihn das CD-Cover als üblen Bösewicht – aus dem ist hier nun aber offenbar ein Waschlappen geworden. Denn über weite Strecken der „Winterreise“ singt Xavier Sabata mit auffällig tremolierender Stimme, was die Reise gefährlich Richtung Dauerlamento steuert. Eine weinerliche Winterreise, das kann so nicht gewollt sein, das wirkt gestrig. Wenn man da den Vergleich zur Altistin Nathalie Stutzmann zieht, auf Augenhöhe in Sachen Lage: Die Französin bleibt klar und stabil, wo der Katalane bebt und zittert.

Dabei sagt Sabata im Programmheft kluge Dinge über den so depressiven Liederzyklus. „Wenn ich die Winterreise singe, dann will ich dieses Wesen verstehen, das sich mitteilen will“, erklärt er, ein guter Ansatz. „Mir geht es nicht darum, eine perfekte Gesangstechnik abzuliefern. Ich bewerte auch die Charaktere, die ich darstelle, nicht. Ich bemitleide sie auch nicht. Ich denke beim Wanderer nicht an einen armen Mann. Der Wanderer ist im Grunde ein Lebenskünstler. Natürlich muss er in einer bestimmten Umgebung zurechtkommen, aber er kümmert sich nicht darum, wie er das macht. Er ist auch sehr mutig, denn es gehört viel dazu, zu sich selbst zu stehen in solch einer Situation. Ich schätze ihn so, wie er ist.“

Ihn schätzen, so wie er ist. Wenn es dem Zuhörer gelingt, über die eigenwillige Tongestaltung hinwegzukommen, wird er auch viel Reizvolles entdecken in der Interpretation des unkonventionellen Countertenors und seines hervorragenden Klavierpartners Francisco Poyato. Das sind Lieder wie „Im Dorfe“ oder „Der Wegweiser“, die tief berührend anmuten, ergreifend, innig. Da ist eine betonte Genauigkeit in Sachen Phrasierung, auch wenn die deutsche Aussprache nicht immer auf dem Punkt ist, da sind nachgerade ideale Tempi. Und, ja, warum soll die Stimme manchmal nicht auch weinen dürfen, wenn die Reise doch so abgründig ist.

Muss diese Aufnahme nun im Kuriositätenkabinett abgelegt werden? Nein, keinesfalls. Denn es ist über die volle Strecke eine Ernsthaftigkeit zu spüren und ein echtes Anliegen. Xavier Sabata ist nicht der Countertenor, der – nur ein Beispiel – die Partie des Mozart-Cherubino singt, bloß weil er es kann, weil er die Höhe dafür hat und die Leichtigkeit – solche Sänger gibt es ja durchaus in diesem besonderen Fach. Xavier Sabata wollte sich auf diese seine Winterreise begeben. Auf seine Mission.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion