Die Band The Pretenders mit Nick Wilkinson (l-r), James Walbourne, Chrissie Hynde und Martin Chambers.
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Die Band The Pretenders mit Nick Wilkinson (l-r), James Walbourne, Chrissie Hynde und Martin Chambers.

Pop

Neues Pretenders-Album „Hate For Sale“: Wundervolles Wiederhören

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Das neue Pretenders-Album „Hate For Sale“ mit allem, was die Band seit 42 Jahren auszeichnet.

Die Band mit der unvergleichlichen Sängerin und dem Allerweltsnamen – das waren die Pretenders schon immer. „Pretenders“? Hallo? Das klingt nach einer der unzähligen britischen Combos, die seit den 70ern gegründet wurden, großmäulige junge Männer mit lauten und scheppen Gitarrenriffs. Pretenders – die Angeber.

Aber nur eine Plattenrillenumdrehung, und alles war anders. Und so ist es bis heute. Sobald Chrissie Hynde den ersten Ton gesungen hat, sprechen wir von einer ganz anderen Güteklasse. Als wir Teenies kapiert hatten, dass die Pretenders eben keine weitere britische Knallkopp-Beatband waren, sondern die Band hinter Chrissie Hynde, waren alle sofort verknallt. In dieses Tremolo in der Stimme, diese Herablassung etwa in „Bad Boys Get Spanked“, in diese Mischung aus punkigem Wavesound und umwerfendem Charme.

Den Bandnamen soll sich die Sängerin und Gründerin damals selbst ausgedacht haben, inspiriert von der Schmalzschnulze „The Great Pretender“. Es waren andere Zeiten, es war – unvorstellbar, aber verbrieft – 1978. Zweiundvierzig Jahre später klingt Chrissie Hynde, inzwischen 68, genau wie damals. Sie lässt sich im Motörhead-T-Shirt fotografieren. Okay, ihr Haar ist nicht mehr so dunkel wie in den wildesten Zeiten, und sie sagt auch nicht mehr auf Pressekonferenzen, sie werde eine Brandbombe in ein Fast-Food-Restaurant werfen, seit Dritte ihren Plan prompt für sie in die Tat umsetzten. Auch schon wieder dreißig Jahre her.

Was möchten wir Fans hören auf dem elften Studioalbum der Band, deren erstes und zweites Album wir einst tranken wie Bier, jeden Abend, von deren Musik wir besoffen wurden, zur Not auch ohne Bier? Krach wollen wir hören. Einen Reinschmeißer als ersten Song wollen wir hören, den Liedanfang durcheinandergerumpelt, abgestoppt und mit vier Drumstick-Vorzählern – one, two, three, four! –, wiederholt, wie mit 14 im ersten Proberaum, Abstellkeller der Kirchengemeinde, laut, dreckig, unbezähmbar.

Das neue Album

Hate For Sale. BMG.

Tribut an eine Punkband

Voilà, „Hate For Sale“, der Titelsong. Ein Brett zum Einstieg. Und eine Verneigung: „Nun, wir alle lieben Punk“, sagt Chrissie Hynde. „Man könnte wohl sagen, dass man den Titelsong von ,Hate For Sale‘ als unseren Tribut an die Punkband bezeichnen könnte, die ich als die musikalischste in ihrem Genre betrachte – The Damned.“

Da dieser Text in zehn Metern Abstand zu einem Kirchturm entsteht, ist es keine allzu große Sensation, dass die Glocke mitten im zweiten Song, „The Buzz“, zwölf schlägt (also nicht auf dem Album, nur an der Mosel), und es klingt sehr gut zusammen. Sollten Sie zufällig einen Kirchturm zur Hand haben: An dieser Stelle bietet sich ein Geläut an, aber auch noch später im Verlauf des Langspielers. Einen Ska haben die Pretenders mit reingenommen, „Lightning Man“, passend wie alles auf diesem höchst erfreulichen Album.

Es zeichnet die Band seit jeher aus, dass sie sich musikalisch eigentlich alles erlauben kann. Von „Stop Your Sobbing“ und „Brass in Pocket“, den eher melodischen Hits der Anfangsjahre, über Kracher wie die Frau-befreit-sich-Hymne „The Adultress“ – legendäre Version beim Rockpalast 1981, damals schon mit dem großartig urgewaltigen Immer-noch-Schlagzeuger Martin Chambers, schauen Sie mal auf Youtube – bis hin zu Popsongs wie „Don’t Get Me Wrong“ aus dem Jahr 1986 und „I’ll Stand By You“ von 1994.

Mit dem Chrissie-Tremolo in der Stimme lässt sich alles veredeln. „Hate For Sale“ enthält das komplette Pretenders-Spektrum, die Gitarren mal perlend, mal krachend, die Gefühle der Achtziger. Was für ein wundervolles Wiederhören.

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