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Und das jetzt bis morgen früh: Hip-Hops sportive Seite.

Drei Hip-Hop-Alben

Wütende Reime, bam bam bam

Von Hip-Hoppern liegen neue Alben vor: Donald Glover, Kaaris und Haiyti rechnen mit allerlei ab .

Von Kerstin Krupp

Herzzerreißendes Falsettgekreisch

Jetzt auch noch den Golden Globe! Donald Glover hat ihn für die von ihm geschriebene und produzierte Fernsehserie „Atlanta“ erhalten, die aus dem skurrilen Leben eines gebeutelten Hip-Hop-Managers (natürlich gespielt von Glover selbst) erzählt und Einblicke in die Lebenswelt junger Afroamerikaner im Süden der USA gewährt. Nebenher hat der 33-Jährige sein drittes und bislang bestes Album aufgenommen. Als sein Alter Ego Childish Gambino lässt er den Hip-Hop hinter sich und verschreibt sich diesmal dem Funk der siebziger Jahre eines George Clinton, Bootsy Collins oder Sly Stone, ganz ohne museal zu wirken. Nicht zuletzt dank Glovers Stimme, die von herzzerreißendem Falsettgekreisch in „Me and Your Mama“ über das krächzig-schmeichelnde Liebesgeständnis an seinen „Baby Boy“ bis hin zum volltönenden R & B-Sound in „Zombies“ jedem Song seine eigene Farbe verleiht.

Dazu fiept der Moog-Synthesizer, plingt ein Glockenspiel oder leidet schrill die Gitarre. Musikalisch ist das wunderbar ausgetüftelt. Politisch steht Glover seinen Helden, die noch die Ausweglosigkeit in den Ghettos besangen, ebenfalls nah. In „Riot“ etwa, das er mit George Clinton und dessen Gitarristen Eddie Hazel schrieb, thematisiert er die in den USA wieder eskalierende rassistische Gewalt: „They tried to kill us but they won’t take my pride.“

Reime für Frankreichs Vorstädte

Kaaris hat gerade seinen Führungsplatz unter den Hardcore-Rappern Frankreichs verteidigt. Nach nur vier Wochen erreichte sein drittes, im November erschienenes Album „Okou Gnakouri“ prompt Goldstatus, wie die Vorgängerwerke. Wütende Reime über Bitches, Drogen, teure Autos, Waffen oder die Trostlosigkeit seiner Heimat Sevran – die Stadt mit dem höchsten Migrantenanteil des Landes – treffen offenbar über die Banlieues hinaus einen Nerv, Kaaris’ Muskelspiel kommt an. Der deutsche Rapper Haftbefehl holte den Kollegen bereits 2014 als Unterstützung für seinen Titel „Haram Para“.

Großmäulig textet Kaaris nun in „Blow“ mit verfremdeter Stimme: „Mein Stück wird einschlagen wie eine Atombombe.“ Der Titel des Albums ist übrigens der bürgerliche Name des 1980 an der Elfenbeinküste Geborenen. Musikalisch orientiert sich Kaaris jedoch weiter am Hardcore-Rap aus den USA – was der Hüne optisch mit versilbertem Gebiss unterstreicht. Nur auf dem poppig-melodiösen „Poussière“ klingen afrikanische Rhythmen an.

Durchmachen bis morgens

Auch Rapperin Haiyti fand über einen Track von Haftbefehl eine größere Zahl an Zuhörern. „Gib Geld, gib Geld/Das hier wird ein Rendezvous – bam bam bam“, spuckte die Hamburgerin vergangenen Sommer auf „Gib Geld“ so entschlossen giftig ins Mikro, dass man jede Gegenwehr aufgeben und mehr hören möchte. Seit November gibt es nun ihr Album „Nightline“ auf Spotify und Apple iTunes. Rau sind die Reime, herausgeschrien die Wörter, wie in dem von finsteren Bässen getragenen „Playboykette“: „Schmeiß die Cups aus dem Fenster, wenn ich reinkomme, ist Gangster.“ Das Leben, von dem Haiyti mit wütender Wucht erzählt, atmet in der Nacht, dreht sich um Drogen, Geld, aber auch um fehlende Perspektiven. „Wieder was im Tee?/Nase voller Schnee/durchmachen bis morgens? Dealer-Reifen drehen/Du bist nicht im Leben?/hast auch nichts gesehen/wir machen die Regeln“, heißt es in „Hier“. Bei aller lautstarker Gangsta-Attitüde bleibt Haiytis Stimme seltsam zerbrechlich, kurz vorm Kippen. Da schreit sich eine die Seele aus dem Leib, erstickt manchmal in einem Kieksen – das geht allemal unter die Haut.

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