Kris Kristofferson

In Würde

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Der große Countrysänger Kris Kristofferson ist auf Tour und in Berlin.

In der nächsten Woche wird Kris Kristofferson 83 Jahre alt, zur Sommersonnenwende, was zu ihm und seinen Liedern passt. Auf dem Scheitel zwischen Licht und Schatten, Tag und Nacht, Hoffnung und Zweifel – Leben und Tod. Als er am Montagabend die Bühne des Berliner Admiralspalastes betritt, ist ihm jedes einzelne dieser gelebten Jahre anzusehen und – sobald er zu singen beginnt – auch anzuhören. Dort vorn steht ein alter Mann, sehr schlank, sehr gerade, besser gesagt aufrecht. Aber wenn man aus der zehnten Reihe die Augen unscharf stellt, ist in seiner Silhouette auch der junge Mann zu erahnen, der er einmal war, schlaksig, lässig und bei aller Begeisterung, die ihm entgegenschlägt, vollkommen abgeklärt.

Es gab eine Zeit, da der Sänger, Songschreiber und Schauspieler für das Neue in Film und Musik stand, New Hollywood, New Nashville. Mit seiner politischen Haltung, die sich im Protest gegen den Vietnamkrieg äußerte, setzte Kristofferson der konservativen Countrymusik jener Jahre sein Outlaw-Image entgegen, eines Mannes, der sich nicht an die Regeln halten will. Das Neue von vor fünfzig Jahren ist nun alt, aber nicht vergessen. Einer seiner ersten Songs ist bis zum heutigen Tag auch sein berühmtester: „Me and Bobby McGee“ von 1968, in der Version von Janis Joplin die Erkennungsmelodie einer Epoche. Kris Kristofferson bringt seinen Signatur-Hit früh an diesem Abend, er hat es nicht nötig, der Dramaturgie eines Popkonzertes zu folgen. Der Mann ist nicht Pop, sondern Popgeschichte.

Und so muss man es hinnehmen, dass sein früher prägnanter Bariton längst einem heiseren, mitunter fast stimmlosen Timbre gewichen ist. Ein großer Sänger war er nie, eher ein Vortragender, nun ist er ein Flüsterer, der mit Würde seinen schwindenden Kräften begegnet. „Wide awake and feeling mortal/ At this moment in the dream/ That old man there in the mirror/ And my shaky self-esteem“, singt er in dem Lied „Feeling Mortal“ (Sterblich fühlen) von seinem vor sechs Jahren erschienenen Album gleichen Titels, das den Schlussstein unter seine Arbeit als Songschreiber setzen dürfte. Aus dem Alterswerk ist an diesem Abend wenig zu hören, dafür erklingt in großen Auszügen das Debütalbum von 1970. „Help Me Make It Through the Night“, einst von Elvis Presley gecovert, wird im voll besetzten Theater ebenso gefeiert wie „Sunday Morning Coming Down“, jener Song, mit dem sich eine Anekdote verbindet. Angeblich soll der praktizierende Hubschrauberpilot Kristofferson die Noten zu dem Lied persönlich bei Johnny Cash vorbeigebracht haben, indem er mit seinem Helikopter auf dessen Ranch in Tennessee landete. Egal, es wurde auf jeden Fall ein Hit für Johnny Cash, mit dem Kris Kristofferson eine Zeit lang in der Supergruppe Highwaymen an der Seite von Willie Nelson und Waylon Jennings den Ruhm teilte.

Auch in Berlin steht ein Quartett auf der Bühne, naturgemäß in einer völlig anderen Konstellation. Seine Begleitband The Strangers nimmt ihre Aufgabe, Kristofferson durch den Abend zu tragen, sehr dezent und verbindlich wahr. Scott Joss an Geige und Gitarre springt ihm immer wieder auch gesanglich bei, wenn es mal mit der Intonation hakt, einige Songs übernimmt er gleich ganz, das sind jene, die Kristofferson aus dem Kanon von Merle Haggard übernimmt („Okie From Muskogee“, „Sing Me Back Home“), seinem vor drei Jahren gestorbenen Bruder im Geiste der Aufmüpfigkeit. Doug Colosio an den Keyboards macht neben seinem Spiel nur mit seinem glitzernden Hemd ein bisschen auf sich aufmerksam und der Schlagzeuger Jeff Ingraham zeigt, zu welch leichthändigem Spiel so ein Superschwergewicht wie er fähig ist. Ganz selten zieht das Tempo kurz in den Galopp, kurz vor der Pause etwa, bei „Daddy Frank (The Guitar Man)“ noch so einem Haggard-Stück. Dann die einzige Ansage des Abends: „We’ll be back in 15 minutes“.

Bei seiner Rückkehr wird Kris Kristofferson gleich noch einmal mit stehenden Ovationen begrüßt, als wäre er Jahre weg gewesen. Das war er ja vor diesem Konzert auch – zumindest, was Berlin betrifft. Manchmal klatschen die Leute mit, immer zaghaft, damit sie den Sänger nicht stören. Die Bescheidwisser im Auditorium machen sich gern mit erkennendem Applaus bemerkbar, dabei klingen die Stücke zu Gitarre und Mundharmonika so unterschiedlich nun auch wieder nicht. Es kommt auf die Texte an, deren Melancholie sich selbst dann vermittelt, wenn man nicht jedes Wort versteht. Heute mehr denn je.

Er ist kein Mann der vielen Worte, wie gesagt, das war er nie, auch nicht als Revolverheld in dem Western „Pat Garrett & Billy the Kid“. Eine große Rolle im Kino wäre ihm noch zu wünschen. Wie es seinem Freund Harry Dean Stanton mit dem absolut hinreißenden Film „Lucky“ vergönnt gewesen ist. Der war damals 91. So gesehen sind 83 Jahre gar kein Alter.

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