Tune-Yards

Mit den Worten spielen

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Gipfel der Raffinesse: Das Album "I Can Feel You Creep Into My Private Life" von Tune-Yards.

Geschmeidiger als in den Anfangstagen ist die Musik von Tune-Yards inzwischen, klarer auf den Song fokussiert und groovebetonter. Bis hin zu einem Flirt mit dem Mainstream. Nach wie vor jedoch weiß man nie recht, was für ein Querschläger als nächstes um die Ecke kommen wird, selbst wenn sie rarer gesetzt sind.

Charakteristisch ist seit jeher eine stark perkussive Prägung, eine weitere Konstante stellt das Spiel mit der vielfach geloopten Stimme der Songschreiberin Merrill Garbus dar. 2009 hat sie ihr in zweieinhalbjähriger Arbeit allein in DIY-Manier mit nicht viel mehr als einer Ukulele, reichhaltig Perkussionsinstrumenten und einer kostenlosen Produktionssoftware aus dem Internet eingespieltes Debüt „Bird-Brains“ zunächst über das Internet angeboten, später hat das renommierte Indielabel 4AD zugegriffen. Der in einer bestechenden Art extravagante Lo-Fi-Pop mit Folk- und Afropopnote markierte eine kleine Sensation.

Darf man sich als weiße, mithin privilegierte Frau die schwarze Musikkultur anverwandeln? Das ist eine der Fragen, die Merrill Garbus auf „I Can Feel You Creep Into My Private Life“ umtreiben, dem vierten Album. Tune-Yards ist neuerdings ein Duo: Mit Nate Brenner arbeitet Garbus schon seit Jahren zusammen, nun ist der Bassist auch offiziell der musikalische Partner der 38-jährigen Kalifornierin.

Der Sound knüpft an den schon auf dem Vorgänger-Album „Nikki Nack“ von 2014 eingeschlagenen Kurs einer vom zeitgenössischen R’n’B geprägten Leichtigkeit an – eine Stück kantiger ist er aber wieder. „Look At Your Hands“ sowie „ABC 123“ – The Jackson 5 lassen grüßen – zielen mit ihren Housebeats ungeachtet gewisser Momente der Irritation am unmittelbarsten auf den Dancefloor. Am anderen Ende der Skala steht „Who Are You“, das mit seiner psychedelischen Note und den dubbigen Effekten ein wenig an den TripHop erinnert.

Die Musik ist ausgesprochen wohllaunig – in einem Spannungsverhältnis zu den Texten. Es geht um eine Selbstreflektion. Wie verhält es sich mit dem Politischen im „privaten“ Zusammenhang des eigenen Lebens. Siehe Titel. Offenkundig ist der Zusammenhang mit der derzeitigen politischen Gemengelage, keineswegs indes handelt es sich um ein weiteres selbstgewisses Statement des liberalen Bürgertums. In einer fragend-betrachtenden Art verhandeln die Texte Genderfragen und solche der Ignoranz gegenüber ökologischen Belangen, des strukturellen Rassismus und der privilegierten Stellung der weißen Mittelschicht.

Nach wie vor ist die Musik in einer hochgradig formbewussten Art verspielt. Eine Reihe von Gastinstrumentalisten haben sich Garbus und der nun auch als Koproduzent aufgeführte Brenner ins Studio geholt, das Ausgangsmaterial ist also handgemacht, vor allem Garbus’ Stimme wird dann ständig raffiniert geloopt, bis hin zu Afrochören. Wenngleich kein Rapgesang auftaucht, steckt von der Haltung wie auch der Produktionsweise her Rap dahinter.

Erst der Rap, hat Garbus in einem Interview gesagt, habe ihr das Verständnis dafür vermittelt, wie musikalisch Worte sein können und dass es Spaß mache, mit ihnen zu spielen. Eine erkennbare und auch erklärte Inspirationsquelle dafür sind ihr Kinderreime.

Ein weiteres Mal markiert Tune-Yards einen Gipfel der Raffinesse, in den pop-ideal knappen, einen agitatorischen Ton meidenden Texten wie einer spontan eingängigen Musik von lässiger Originalität.

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