Worte und Taten

Die schlesische Stadt Breslau entwickelt sich zu einem Zentrum der polnischen Musikkultur

Von KIRSTEN LIESE

In der osteuropäischen Musikszene herrscht Aufbruchstimmung, nur wird sie hier zu Lande kaum wahrgenommen. Mit Auftritten internationaler Stars macht schon seit einigen Jahren das Budapester Frühlingsfestival kulturtouristischen Hochburgen Konkurrenz. In keinem anderen neuen EU-Land aber tut sich derzeit soviel wie in Polen; derzeit haben sich rührige Künstler und Politiker gemeinsam an die Arbeit gemacht, für das 43. Wratislavia Cantans-Festival im September Wrozlaw (Breslau) zu einer Musikmetropole ersten Ranges zu machen.

Mit seiner prunkvollen Universitäts-Aula und seinen vielen gotischen und barocken Kirchen ist Breslau geradezu prädestiniert für ein Festival mit dem Schwerpunkt Sakral- und Vokalmusik. Zu den schönsten Aufführungsorten zählen Basiliken, Klöster und Schlösser der näheren niederschlesischen Umgebung, allen voran die imposante Holzkirche in Schweidnitz mit Weltkulturerbe-Status, einer idealen Akustik und einer gut erhaltenen Orgel aus dem 17. Jahrhundert.

Die Originalklangbewegung ist auch in Polen längst angekommen. Paul McCreesh, Chef des Gabrieli Consorts und seit 1998 künstlerischer Leiter des Wratislavia Cantans, hat sie gewissermaßen nach Schlesien importiert. Inzwischen sorgen nicht nur renommierte Gastkünstler wie John Elliot Gardiner und seine Barock Soloists, Ton Koopman und das Amsterdam Barockorchester für hohes künstlerisches Niveau. Auch Breslau selbst verfügt über ein exquisites Barockorchester. Bei den Mai-Musiktagen etwa präsentierte das Ensemble geistliche Vokalmusik von Franz Xaver Richter.

Gleichzeitig kommt auch die zeitgenössische Musik nicht zu kurz in einem Land, in dem sich nahezu jedes zweite Ensemble nach Witold Lutoslawski benennt. Rafal Augustyn, Cesare Duchnowski, Pavel Hendrich oder Swavek Kubczak, allesamt Vertreter einer jüngeren Komponistengeneration, sind mit Auftragswerken durchaus gut versorgt, jenseits der polnischen Grenze aber sind sie nahezu unbekannt. Rafal Augustyn erklärt das mit fehlender Öffentlichkeitsarbeit: "Hätten Penderecki und Lutoslawski nicht so gute Verbindungen zum Schott Verlag oder zur BBC gehabt, wäre es ihnen genauso ergangen."

So gesehen würden polnische Künstler gewiss davon profitieren, wenn es gelänge, in Breslau einen kulturell inspirierten Tourismus anzukurbeln. Eben das beabsichtigt Andrzej Kosendiak, Leiter des Wratislavia Cantans. Schon in den vergangenen sechs Jahren hat der Chefdirigent der Breslauer Philharmoniker Etliches auf die Beine gestellt: Sechs Orchester und 40 Schulchöre hat er quasi aus dem Boden gestampft - mit dazu gehörigen Infrastrukturen und Ausbildungsmöglichkeiten. Sein ambitioniertestes Projekt aber steht noch bevor: eine neue moderne Konzerthalle mit 1800 Plätzen, technisch und akustisch so hochwertig ausgestattet wie die berühmten Konzerthäuser in Luzern, Lahti oder Singapur. Eröffnet werden soll sie 2011.

Für die Breslauer Orchester, die seit Jahren mit einem Konzertsaal vorlieb nehmen müssen, der von innen wie ein heruntergekommenes Schwimmbad aussieht und sich akustisch nicht für symphonische Großwerke eignet, wäre das ein großer Schritt nach vorn. Und tatsächlich sieht es so aus, dass es gelingen könnte, das Geld aufzutreiben, unter anderem mit Hilfe der EU. Kosendiak findet Unterstützung bei dem engagierten Bürgermeister Rafal Dutkiewicz, der sich für derlei Projekte den wirtschaftlichen Aufschwung Polens zunutze macht.

Dass seinen Worten stets auch Taten folgen, hat Rafal Dutkiewicz jüngst bewiesen: Im vergangenen Jahr konnte das Breslauer Opernhaus nach zehnjähriger Restaurierung neu eröffnet werden. Geradezu vorbildlich haben Architekten und die Intendantin Ewa Michnik dabei vorgemacht, wie man sinnvolle bautechnische Änderungen vornimmt - die Bühne ist jetzt etwas größer, das Parkett etwas kleiner -, ohne den Raum seiner historischen Gestalt zu berauben. Dass Ewa Michniks engagiertes Opernensemble auch künstlerisch Beachtung verdient, zeigt die derzeitige Produktion des "Falstaff", der unaufwändig, aber mit viel Witz inszeniert wurde und mit teils sensationellen Stimmen besetzt ist.

Bleibt zu hoffen, dass die polnischen Sänger nicht in den Westen abwandern müssen, um international Karriere zu machen. Im Osten blüht die Musikkultur. Es wird Zeit, ihr Beachtung zu schenken.

Wratislavia Cantans vom

4. bis 14. September.

www.wratislavia.art.pl

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