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„Words & Music, May 1965“ – Lou Reed wie er singt und lacht

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Von: Stefan Michalzik

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Da ging es dann los mit dem Erfolg: Lou Reed 1973 in Paris.
Da ging es dann los mit dem Erfolg: Lou Reed 1973 in Paris. © imago

„Words & Music, May 1965“ mit Frühversionen von The-Velvet-Underground-Songs.

Lou Reed konnte zum Scherzen aufgelegt sein. Was man nun nicht gleich gedanklich ausgeschlossen hätte, in Erinnerung ist der 2013 verstorbene Musiker einem freilich mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Im Übrigen war bekannt, dass er seiner Umgebung gegenüber leicht mal aggressiv und gereizt sein konnte, gar auch gewalttätig.

In der Literatur gilt die „Kritische Ausgabe“ als Ausweis höchster wissenschaftlicher Seriosität, in der Popmusik wird gerne auch mal abfällig darüber gesprochen, dass jeder auch noch so kleine Studioschnipsel und jede Demoversion veröffentlicht wird. Dabei ist die Genese, die Werdung von Popmusik ja beileibe kein uninteressantes Thema.

Eine Perle ist das gerade herausgekommene Album „Words & Music, May 1965“, das unter anderem Frühfassungen von Nummern aus dem pophistorisch einflussreichen Banddebüt „The Velvet Underground & Nico“ (1967) mit Andy Warhols berühmtem Bananencover enthält. „Men Of Good Fortune“ indes tauchte auf dem Soloalbum „Berlin“ (1973) auf; das hier acht Minuten lange, mit einer pferdegetrappelartigen Perkussion unterlegte „Wrap Your Troubles In Dreams“ arrangierte John Cale zwei Jahre später für Nicos Album „Chelsea Girl“ mit Streichern.

Erstaunlich, wie nah diese am 11. Mai 1965 mono eingespielten Zimmeraufnahmen mit akustischer Gitarre und gelegentlich einem quäkenden Mundharmonika-Solo am Villagefolk des frühen Bob Dylan sind. In ihrer Ästhetik des Ungeschliffenen erinnern sie auch an den späteren New Yorker Antifolk.

Das ALbum

Lou Reed: Words & Music. Light in the Attic Records/Cargo. Erhältlich auch als Luxusedition.

Er flachst mit John Cale

Ausgelassen die Stimmung gleich zu Anfang in der ersten von zwei Fassungen von „I’m Waiting For My Man“. In „Too Late“ lacht Reed über dem Singen und flachst mit John Cale, seinem späteren Antipoden bei The Velvet Underground, der die zweite Stimme in den Aufnahmen gibt. Im Wechselgesang scheinen die beiden einander überbieten zu wollen. In seiner Schroffheit mitsamt einigen rauen Ausbrüchen ist da schon ein Vorschein der Band, der später ein Status als Propheten des Punks zugeschrieben worden ist. Auf dem Album gelandet ist der Song jedoch nicht. „Heroin“ beginnt spannungsreich schleichend, am Ende steht ein Schrammeln, das wiederum bereits auf die spätere Ästhetik Reeds verweist.

Die Nahbarkeit, in der Lou Reed hier zu erleben ist, vermag zu faszinieren, wie ähnlich vielleicht nur bei Prince’ Demos auf dem 2015 edierten „Piano & A Microphone 1983“. Zu spüren ist das Selbstvertrauen des 23-Jährigen. Da singt und spielt einer, der sich seiner Möglichkeiten gewiss ist. Und offenkundig davon ausgegangen sein muss, dass er einmal groß herauskommen wird. Die Kassette mit den Aufnahmen hat Reed in einen Briefumschlag gesteckt und an sich selbst geschickt, zwecks eines juristisch hiebfesten Nachweises seiner Autorschaft. „Words & Music: Lou Reed“ stellt er nach der Nennung des Titels jedesmal klar.

Mit dem spektakulären Erfolg war es zunächst einmal nichts. Merkantil gesehen war „The Velvet Underground & Nico“ ein Flop, die anderen Alben der Band nicht minder; zum Mythos und Allzeitbestenlistenfavoriten wurde das wegweisende Bananencoveralbum erst retrospektiv. Ein veritabler Rockstar mit Massenerfolg sollte Lou Reed erst 1972 mit „Transformer“ werden, seinem zweiten Soloalbum.

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