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Woodstock brachte 400000 Menschen auf die Straße und in einen endlosen Stau.

Woodstock-50-Festival

Woodstock ruhe in Frieden

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Das Festival Woodstock-50 ist abgesagt worden. Was hätte ein solches Revival gebracht?

Kein Revival, das war die Botschaft zur Bettruhe. Soeben noch lief der Abspann in der ARD, da wurde um 0:22 Uhr die Nachricht verbreitet: „Woodstock-50-Festival abgesagt“. Der ARD-Videotext auf Seite 413, kaum war die ARD-Dokumentation „Woodstock“ beendet, der Rückblick auf „drei Tage, die eine Generation prägten“, ließ in der Gegenwart ankommen. Kein Wiederaufleben von Woodstock. Kein Remake, Ruhe also?

Für die Veranstaltung, geplant vom 16. bis 18. August in Watkins Glen im Norden des Bundesstaates New York, etwa 200 Kilometer vom Originalschauplatz entfernt, wurde vorab der Stecker gezogen. Mit der Absage war nicht unbedingt gerechnet worden, auf der offiziellen Webseite wurden die Tage, Stunden und Minuten wie ein Countdown heruntergezählt – versehen mit dem Versprechen, dass „der Ticketverkauf bald starten“ werde.

Michael Lang, der Organisator, der schon 1969 mitmischte, hatte heute unumgängliche Namen in Umlauf gebracht, Miley Cyrus, Jay-Z, The Killers, Imagine Dragons und The Zombies. Doch in den letzten Wochen schillerten dann nicht nur die Namen, sondern häuften sich die Schlagzeilen: Absage der Veranstaltungsstätte, Rückzug von Investoren und Künstlern. Nicht zuletzt das Gerücht, Woodstock-50 solle in der Nähe der US-Ostküstenmetropole Baltimore stattfinden. Berichten zufolge war es zuletzt nur noch für einen Tag und ohne Eintritt geplant.

Woodstock war ein Ausweichquartier

Kein Problem allerdings, das es nicht schon vor 50 Jahren gab, 1969, wie man auch durch die ARD-Dokumentation noch einmal erfahren konnte. Angefangen damit, dass Woodstock zum Ausweichquartier wurde, weil sich die Bürger von Wallkill so massiv wie aggressiv wie erfolgreich gegen einen Ansturm von Menschen zur Wehr setzten – in den Augen der Bürger waren die sich ankündigenden Hippies bedrohliche Aliens. Nicht nur beim Schauplatz mussten die Veranstalter improvisieren, bei den Toiletten, den Rettungszelten für kollabierende Besucher, bei den Tapeziertischen für LSD oder Sprudelwasser.

400 000 Menschen reisten an – was man so Anreise nennt, stundenlang im Stau, aber ungemein friedlich, eigentlich menschenunmöglich freundlich, wissend, dass die Beatles nicht auftreten würden, nicht Bob Dylan, nicht die Rolling Stones, nicht die Beach Boys, nicht Pink Floyd, nicht die Doors, nicht Elvis, nicht Led Zeppelin. Da aber die Pop-Geschichte vor allem eine Story von Vielfalt und strotzender Mannigfaltigkeit ist, tat dies dem Erfolg und dem Enthusiasmus keinen Abbruch. Zugleich darf man sich fragen, ob die berstende Lebendigkeit und aufgekratzte Stimmung von Woodstock sich denn überhaupt hätte wiederholen lassen. Was wäre das für eine Wiederauflage geworden? Wäre es um eine - tolles Wort - Revitalisierung gegangen - oder nur um ein Wiedergängertum von Zombies?

Mit Woodstock-Veteranen behutsam umgehen

Natürlich muss man mit jedem Woodstock-Veteranen behutsam umgehen! Ob er vor Ort war oder im Kino dabei oder einen DVD-Player hat. Wie das mit Mythen so ist, wollen sie vor allem erzählt und nicht so sehr erklärt werden. Wer also hätte beim Revival den Richi Havens gegeben und eine Hymne wie „Freedom“ aus seiner Gitarre herausgedroschen? Wer einen so hypnotischen Basslauf gespielt wie die hypnotisierenden Santana, zum Auftakt ihres hypnotischen Stücks „Soul Sacrifice“? Wer wäre als Eigentümer des Grundstücks, auf dem das Woodstock-Revival hätte stattfinden sollen, ans Mikro gegangen und hätte sich vorgestellt: „I’m a farmer“?

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Wer hätte, wie am 17. August 1969 Hundertausende, einem womöglich über das Gelände hereinbrechenden Unwetter zugerufen: „No rain, no rain“. Hätte heute geseufzt und gesagt, mein Gott, so viel nackte Menschen. Wer hätte damit angefangen, von der eigenen Generation ohrenbetäubend laut zu spielen wie The Who? Und wer hätte nicht damit aufgehört, die amerikanische Nationalhymne zu dekonstruieren? Nicht aufgehört? Was Jimi Hendrix anstellte, um die elegischen Akkorde von „The Star Spangled Banner“ in einem aufjaulenden Gitarrensolo, wie in einem Maschinengewehrinferno zu zerfetzen, wurde zum Protest gegen Vietnam, zu einem Aufschrei ohne Worte.

Hat Woodstock ein Revival verdient?

Hätte dieses Woodstock ein Revival verdient, einen Aufguss? Wie bei jedem schon etwas älteren Mythos wird auch dieser nicht nur oberflächlich verehrt, sondern auch tiefer gegraben. Archäologen haben sich also tatsächlich des Geländes bemächtigt, das, als die Veranstalter es erstmals sahen, wie ein natürliches Amphitheater wirkte, eingebettet in eine sanfte Hügellandschaft, und das am Ende für manchen Zeitzeugen den Eindruck eines zurückgelassenen „Schlachtfelde aus dem Bürgerkrieg“ hinterließ. Schlachtfeld-Archäologie also auf einem Terrain von Love & Peace?

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Das Revival jedenfalls wurde vorzeitig begraben, trotz verschiedener W-Revivals im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte, denn der Pop ist ja nicht nur eine ungeheuer vielfältige Sache, sondern auch eine immens beliebige. Wieviele Revivals von W. also seit 1969, wie viele vergessene, verklärte, fürchterliche. Schauen Sie nur mal rum. Hören Sie nur mal rum. Ey, du, horch mal aufrichtig in dich hinein.

Woodstock hätte sich nicht wiederholen lassen

W. hätte sich nicht wiederholen lassen. Natürlich der eine oder andere Song covern, das kann jede viertklassige Band ganz ordentlich. Natürlich ist gerade der Pop alle Male in der Lage, eine ungeheure Wiedergängerei in Szene zu setzen, noch pompöser als das Original, noch perfekter. Und mit den Möglichkeiten, die vor fünfzig Jahren noch als authentische Gefühle galten, hätte man mit den heutigen Techniken die damaligen Emotionen ohne weiteres covern, den Ausnahmezustand von Woodstock im Namen von „Love & Peace“ clonen können. Das Woodstock-Revival, ein pulsierender, ein hochgezüchteter Menschenpark, einer aus dem Reagenzglas des Popbusiness. Das hätte noch gefehlt. Soweit kommt es also nicht, kein Woodstock-50.

Alles gut, es wurde eine ruhige Nacht. Kein schlechter Trip durch einen Alptraum. Love & Peace für Woodstock.

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