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Die ganze Pracht arabischer Architektur: Das Hotel Emirates Palace in Abu Dhabi.

Wonnemond in der Wüste

Das Orchester der Bayreuther Festspiele verleiht mit einem "Ring-Best of" den Abu Dhabi Classics höhere Weihen

Von JOACHIM LANGE

Wenn im Theatersaal des größten Hotels der Welt, des Emirates Palace in Abu Dhabi, davon gesungen wird, wie die Winterstürme dem Wonnemond wichen, und dann Siegfrieds Rheinfahrt, der Trauermarsch und Brünnhildes Schlussgesang über die Köpfe der Zuschauer fegen, dann ist das eine Pointe kultureller Globalisierung. So viel Wagner live gab es in der Region noch nie.

Diesmal war es aber nicht Daniel Barenboim, der den Wagnerpionier vom Dienst gab, sondern der Grals-Hügel selbst hatte seine musikalischen Ritter in den Orient entsandt. Denn wenn man sich mit nur einem halben Jahr Vorlauf eine "Abu Dhabi Classics"-Reihe leistet, dann wird nach einer eher harmlosen Quer-durch-die-Welt- Gala (bei der Jeremy Irons einen gemeinsamen Nenner zwischen Gipsy-Größe Roby Lakatos, Jazzer Till Brönner und Flamencosänger Arcángel zusammenmoderierte) gleich am zweiten Abend das ganz schwere Wagner-Geschütz aufgefahren.

Mit Katharina Wagner an der Spitze sind ihr Quasi-Hausdirigent Christian Thielemann und das Festspielorchester auf diesen Betriebsausflug der besonderen Art gegangen. Nicht zum ersten Mal, aber jetzt als Teil der neuen Marketingstrategie der Festspiele. Man werde so etwas wohl auch künftig einmal im Jahr machen, so Festspiel(co)chefin Katharina Wagner kurz vor der Gala - bei der sich dieses Spezialorchester auf Zeit selbst übertraf.

Thielemann ließ mit souveräner Gelassenheit einen durchsichtigen und doch großen, vom Deckel über dem Bayreuther Graben gleichsam befreiten Wagnerklang aufblühen. Bei den Solisten boten Endrik Wottrich einen immerhin standfesten Siegmund, Petra Lang eine intensiv gestaltete Sieglinde, Ain Anger einen Pracht-Hunding und eine immer noch eindrucksvolle Luana DeVol die Brünnhilde. Zumal aber vor dem Orchester wichen alle Wüstenstürme einem musikalischen Wonnemond. Das kam an, obwohl man offenbar auf nennenswerte Werbung und Übersetzungs-Hilfen verzichtet hatte.

Dass der cineastische Hollywood-Sound zu den Spätfolgen Wagners gehört, hat sicher nicht geschadet. Wie Michael Schindhelm, vom konkurrierenden Scheich-Reich Dubai als Organisator einer Nachrüstung mit westlicher Hochkultur eingekauft, ist auch der Mann hinter den Abu Dhabi Classics ein Deutscher. Till Janczukowicz setzt auf diesen Effekt und lässt den Original-Ringschnipseln im Februar "The Lord of the Rings Symphony" folgen. Sonst bietet diese Reihe von 19 Konzerten die üblichen hochkarätigen Verdächtigen auf - von Bartoli über Lang Lang bis Mehta und Maazel. Sie alle sollen bis in den Mai so etwas wie eine Saison etablieren. Immerhin bietet sie auch einen Beitrag der Orchestermusiker aus Wien oder London in den Schulen des Landes.

Ansonsten geht's hier eher nach dem Motto: Angebot schafft Nachfrage. Mit konkreten Zahlen über die Kosten hält sich Janczukowicz zwar zurück, aber die spielen in dieser Weltgegend wohl auch keine ernst zu nehmende Rolle.

Und gegen die architektonischen Visionen der Scheichs, die man in einer Ausstellung im Emirates Palace besichtigen kann, sind die Abu Dhabi Classics Peanuts. Auf der Saadiyat-Insel soll in den nächsten zehn Jahren mit Milliardenaufwand ein gigantischer Kulturdistrikt entstehen. Ein halbes Dutzend Spitzenarchitekten hat seine Entwürfe dafür fertig - mit dem dann größten Guggenheim- Bau von Gehry, einem Louvre von Jean Nouvel, einer amorphen Theatervision von Zaha Hadid und so weiter.

Zum selbstbewussten Reichtum passt der große Wagnerton. Es gab viel Beifall. Aber ob der Funke zündet, wird sich wohl erst erweisen, wenn einmal das Riesenauditorium in Hadids 2000-Plätze-Theater zu füllen ist. Vielleicht ja mit einem kompletten Ring. Echte Zukunftsmusik in einem gigantischen Rahmen - das wäre so recht nach Wagners Geschmack.

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