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Wollny und sein Trio: Große Verwirbelung

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Von: Stefan Michalzik

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Michael Wollny und Mitstreiter in der Reihe „JAZZnights“. Foto: Alte Oper Frankfurt/Wonge Bergmann
Michael Wollny und Mitstreiter in der Reihe „JAZZnights“. Foto: Alte Oper Frankfurt/Wonge Bergmann © Wonge Bergmann

Eigentlich ein Popkonzert: Michael Wollny und sein Trio in der Alten Oper

Michael Wollny hat mit seinem Trio das Haus gerockt, es war umwerfend. Geister und Gespenster sind, dem Repertoire von „Ghosts“, dem jüngsten Album folgend, an diesem Abend bei den JazzNights im Großen Saal der Frankfurter Alten Oper der rote Faden für den Musiker der Jazzresidenz in dieser Saison. Und das auch in jenem Sinne, dass mehr als Geister nicht übrig bleiben, wenn Wollny, der US-amerikanische Bassist Tim Lefebvre und Eric Schaefer am Schlagzeug sich Gershwins „I Loves You Porgy“ vornehmen, Ellingtons „In a Sentimental Mood“ oder auch einen „Standard“ aus der Romantik wie Schuberts „Erlkönig“.

Da geht es einen Abend lang um eine grandios freie Kunst der Zerlegung und Neufindung aus dem Geist der Improvisation anhand von Segmenten aus den Vorlagen. Das Schubertlied etwa präsentiert sich als eine wild bewegte Nummer mit kollektiven Eruptionen und einer kontinuierlichen Steigerung, die in einer Reihe von Clusterschlägen am Ende kulminieren. Volle Kante.

Was die ausgeklügelte Ästhetik von Bühne und Licht anlangt, ist das inszeniert wie ein großes Popkonzert. Und im Grunde genommen handelt es sich auch um ein ebensolches. Wollnys Jazzresidenz gibt einen Überblick über die Manniggestaltigkeit seiner musikalischen Ansätze.

Hier nun handelt es sich um einen explizit popaffinen Jazz. Spektakulär, nach vorne weggehend. Nicht jedoch heischerisch, keine Spur von unbotmäßiger Ranschmeißerei. Es hat rauschhafte Sequenzen. Wollny gelingt eine Quadratur des Kreises: „Experimentell sein, ohne dass keiner mehr zuhört“, so hat er selbst die Idee seines publikumsfreundlichen, dabei mitnichten in unguter Art bekömmlichen Avantgardismus einmal auf den Punkt gebracht.

Und so verhält sich das tatsächlich: Da ist mächtig viel an klangexperimenteller Radikalität, getrieben vom Ansinnen einer Weitung des Spektrums. Tim Lefebvre, der zwischen dem Kontrabass und einem gitarristisch gespielten elektrifizierten Bass wechselt, mischt stellenweise als „Knöpfchendreher“ elektronische Sounds bei, vom Surren und anderen Niederschwelligkeiten bis zu Momenten eines rustikalen technoiden Wumms’. Eric Schaefer ist ein perkussiver Klangbildner des Schlagzeugs. Ungeheuer die überbordende Energie der Musik, bis hin zum beinahe zirzensischen Effekt mit Jubelgarantie.

Kurzgeschlossen mit Jazz

Die eigenen Kompositionen sind an diesem Abend in der Minderzahl, das Trio überschreibt Songs unter anderem von Nick Cave & Warren Ellis, David Sylvain und Timber Timbre, eine Nummer von Paul Giovanni aus dem Horrorfilm „Wicker Man“ sowie ein Stück von Paul Hindemith. In einer großen Verwirbelung bedient sich Michael Wollny unterschiedlicher Stilistiken aus der europäischen Musikgeschichte von der späten Romantik und dem Impressionismus bis zu Messiaen und Ligeti und schließt sie mit dem Jazz kurz.

In gewisser Weise sprengen Wollny und sein Trio jeden Rahmen; doch ein derartiges Sprengen ist es, das die Jazzgeschichte immer wieder vorangetrieben hat, auch nach dem Ende einer linearen Abfolge von einander ablösenden Stilen.

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