Frankfurter Sommerreihe

Wolfgang Muthspiel bravourös bei „Jazz im Palmengarten“

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Struktur und Freiheit: Gitarrist Muthspiel mit großartigen Kollegen bei der Frankfurter Sommerreihe im Palmengarten.

Mitte der neunziger Jahre ging der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel nach New York, im Quintett des Vibraphonisten Gary Burton nahm er den Platz seines Vorbilds Pat Metheny ein. Rasch erspielte er sich den Ruf, einer der wichtigsten Gitarristen seiner Generation zu sein. Inzwischen lebt der 54-Jährige in Wien, zuletzt, auf den grandiosen Quintettalben „Rising Grace“ (2016) und „Where the River Goes“ (2018), war unter anderem der Pianist Brad Mehldau Teil einer All-Star-Besetzung.

Langsam tritt ein Song hervor

Zu dem äußerst gut besuchten Konzert in der von der Frankfurter Jazzinitiative betreuten sommerlichen Reihe Jazz im Palmengarten reiste Wolfgang Muthspiel mit einer ganz anderen, aber nicht minder illustren und bravourösen Quintettbesetzung an. Er eröffnete den Abend mit einer Improvisation auf der akustischen Gitarre. Lange, sehr lange – Ausweis einer freigeistigen Fantasie – dauerte es, bis nach zerklüfteten Anklängen an die klassische Gitarre wie auch den Blues das zugrundeliegende Motiv erkennbar hervortrat: der von Paul McCartney geschriebene Evergreen „All My Loving“ aus dem Bestand der Beatles.

Die ausgreifenden Kompositionen und strukturbewussten Arrangements Muthspiels lassen das traditionelle Schema eines Improvisierens reihum hinter sich. Stattdessen nehmen sie einen kammermusikalischen Ensemblegedanken auf. Zentral war beim Konzert in Frankfurt immer wieder die rege Zwiesprache zwischen dem traumwandlerisch leichten Spiel des Gitarristen und dem grandiosen Schweizer Trompeter und Flügelhornspieler Matthieu Michel, der mit einem phänomenalen Reichtum an Klangfarben aufwartete. Colin Vallon am Klavier, gleichfalls aus der Schweiz, spielte mit rhythmisch-perkussivem Drive. Eine dynamisch-harmonische Spannkraft zeichnete das mal gezupfte, mal gestrichene Spiel des Bassisten Joe Sanders aus; gleichermaßen Melodiker wie Timekeeper war Jeff Ballard am Schlagzeug.

Virtuosität zeigte sich als lediglich beiläufige Voraussetzung. Kein Ton zu viel, alles harmonisch allerfeinst gesetzt und in einer sublimen Manier geboten. Es war ein Abend der klanglich gedämpften Stimmungen, in diesem Fall nicht gleichzusetzen mit Schwermut und Grübelei. Einzig die zum Ausklang gespielte Titelnummer „Where the River Goes“ war von einem gewissen Druck samt kollektivem Stakkato gekennzeichnet.

Wolfgang Muthspiels so manniggestaltige wie formbewusste Art des Musizierens und Komponierens steht über den Zeiten und Moden. Das ist eine Musik, die – ohne obsolet zu erscheinen – ebenso gut vor dreißig oder vor vierzig Jahren hätte entstehen können.

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