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Wolfgang Heisig und Jan Klare: Mechanik und Improvisation

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Wolfgang Heisig, Jan Klare und ihre spannungsreiche Conlon-Nancarrow-Hommage.

Jan Klare, Saxophonist, Komponist, Improvisator und Bandleader in überaus unterschiedlich besetzten Formationen, versteht sich zugleich auch als soziologischer Feldforscher, der sich mit Hörgewohnheiten und -erwartungen sowie deren Manipulationsmöglichkeiten befasst. Die Freiheit des improvisierenden Musikers ist für ihn nicht regellos, sondern Gegenstand experimenteller Aktionen und Erkundungsarbeiten. Insofern ist seine Konfrontation mit einer unausweichlich festgelegten musikalischen und performativen Struktur ein spielerisches, kompositorisches und soziales Feldforschungs- und Selbsterkundungsprojekt.

In diesem Falle hat er dafür genau genommen zwei Partner, nämlich erstens den im Spreewald lebenden Komponisten und Phonola-Spieler Wolfgang Heisig, zweitens den 1997 in Mexico City verstorbenen US-amerikanischen Komponisten Conlon Nancarrow.

Nancarrow, der 1936 als Jazztrompeter den Atlantik per Schiff überquerte, ab 1937 als Soldat der Abraham-Lincoln-Brigade auf der Seite der Republik im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte und schwer verwundet zurückkehrte, wurde 1938 erstmals auf die kompositorischen Möglichkeiten des so genannten Player Pianos aufmerksam; das Player Piano ist ein mechanisches Klavier, das mit Hilfe von gestanzten Notenpapier-Rollen gespielt wird und als eine Art technisch einfacherer Vorläufer des Phonola gelten kann. Heisigs Phonola besitzt neben der Abspiel-Einheit für gestanzte Papierrollen eine pneumatisch betriebene Vorrichtung, mit deren Hilfe via Pedal Dynamik und Tempo reguliert werden können.

Die CD

Wolfgang Heisig / Jan Klare: Heisig-Klare. Umland Records 29.

Nancarrow fand Zeit seines Lebens wenige, wenngleich im Musikbetrieb überaus prominente Fürsprecher – etwa György Ligeti oder John Cage –, aber in Amerika nur ein kleines Publikum, und er konnte erst ab Mitte der 90er Jahre seine Musik für Player Piano auf europäischen Musikfestivals wie dem Holland Festival, den Donaueschinger Musiktagen oder der Kölner Musik Triennale präsentieren. Das Ensemble Modern spielte Ensemble-Versionen einiger seiner (als unspielbar geltenden) Kompositionen ein.

Wolfgang Heisig und Jan Klare präsentieren auf Ihrer gemeinsamen CD drei Stücke von Nancarrow selbst (Study For Player Piano #11, #3b und #3d), dazu zwei Stücke von Jan Klare und eines von Heisig. Die Konfrontation zwischen dem mechanischen Musikinstrument und Klares Altsaxophon ist aufregend und vielgestaltig: überschlagend und rasant (#11), lässig und schnell in #3b und nahezu verhalten in #3d. Die beiden Typen dieser Musik – festgelegt und improvisiert – sind im Hörbild kaum auseinanderzuhalten; es kann sein, dass Klare improvisiert, indem er Nancarrows Notentext interpretiert. Wer weiß das schon genau?

Aber die Spannung und die Fremdheit dieser Musik ist enorm. Vertrauter, lyrischer und jazziger als Nancarrows Arbeiten wirken Klares Kompositionen „Prinzenrolle“ und „Doppelrolle“. Heisig Komposition „13865 Nuclear Weapons“ ist ein hoch verdichtetes, atemberaubend von Geschwindigkeiten strukturiertes, pixelhaft dicht klingendes Ereignisfeld mit einem wie abstürzend konzipierten Finale.

Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Temperamenten, Musikerzeugungsweisen, Traditionslinien ist aber nicht nur konfrontativ, sondern steckt voller Neugier und Experimentierfreude, die sich beim zugewandten Hören wie von selbst mitteilt – schön, dass nicht nur Viren, sondern auch Haltungen ansteckend sein können.

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