Musik

Wissenschaftlich argumentiert

  • schließen

Die Junge Kantorei feiert an historischer Stätte in Frankfurt ihren 50. Geburtstag munter und mit intellektueller Vokalität.

Das sei ja wie bei einem Familientreffen, viele seien miteinander bekannt und wohl schon früher öfter in diesem Raum gewesen. So begrüßte der künstlerische Leiter der Jungen Kantorei das Publikum im „Festsaal des Jügelhauses der Senckenberg-Gesellschaft“, wie die Aula der ehemaligen Goethe-Universität in Frankfurt-Bockenheim jetzt heißt. Hier hätten viele der Mitglieder ganze Lebensabschnitte verbracht mit Kind und Kegel – „und Hunden“, wie ein offensichtlich ehemaliger Aktiver seinem Nachbarn zuraunte.

Man war gekommen, den 50. Geburtstag des bereits 1968 aus dem Studentenchor und der Hessischen Schülerkantorei der Evangelischen Kirche hervorgegangenen, von Joachim Martini gegründeten und inspirierten Chores in Form eines Konzerts zu feiern. Zugleich das fünfjährige Wirken seines Nachfolgers Jonathan Hofmann, der dem Chor neue Impulse gibt. Das zeigte sich schon an der Programmabfolge, die mit „Dixit Dominus“ zwar an die Tradition der zahllosen Kantorei-Aufführungen von Musik Georg Friedrich Händels anknüpfte, dann aber auch eigene Wege ging. Händel und Junge Kantorei, das war im Rhein-Main-Gebiet über lange Zeit eine auch auf vielen Tonträgern dokumentierte Symbiose. Das Populäre und Rhythmische, das Narrative und als aufklärerische Sakralität Vermittelbare Händels – irgendwie passte das zu dem wohl achtundsechzigerichsten Chor und seiner Hinterwelt. Dazu die leichte, muntere und klanggestisch markante Spielweise, natürlich wissenschaftlich argumentiert, wie es sich für intellektuelle Vokalität gehört.

Die Neuorientierung erfolgt durch den aus Mainz stammenden 34-jährigen Dirigenten, der dort bei Ralf Otto und in Frankfurt bei Winfried Toll studiert hat. Zwei Sinfonien von Carl Philipp Emanuel Bach, dem Telemann-Nachfolger in Hamburg, bildeten die Mitte des Abends, wobei wieder klar wurde, wie wichtig die orchestrale Grundierung von Chormusik ist. Das Barockorchester der Jungen Kantorei konnte sein Können beweisen und den vehementen Direktiven Hofmanns bei den Hamburger Sinfonien Nr. 1 und 2 locker folgen. Von den Vokalsolisten überzeugten am meisten Katharina Nieß (Sopran) und Florian Löffler (Tenor).

Enorm durchsetzungsfähig, rhythmisch markant und mit Verve geht der Chorleiter vor. Nicht immer zugunsten der klangräumlichen und dynamischen Differenz. Die alte Uni-Aula mit ihrem neo-barocken Stuck und ihrer überschaubaren Ausdehnung ist schnell überfüllt mit Klang, was bei massiver Vokal-Präsenz (im Chor sangen gut 100 Menschen) zu Entdifferenzierung und Ballungen führt. Exzellent kam allerdings die bildstarke Tektonik Händels zum Tragen. Ebenso eine Art Rundgesang auf die Friedensbitte „Dona nobis pacem“ des lettischen Komponisten Peteris Vasks. Sie konnte etwas von alter Gemeindebindung vermitteln und einen Bogen zur mittlerweile Best-Ager-Kantorei schlagen, in der es auch immer um mehr als nur ums Notensingen ging.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion