Faber im Gibson

Er wirft sein lyrisches Ich in Posen

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Singer-Songwriter Faber, senkrecht gestartet und im Frankfurter Gibson.

Ausverkauft ist gar kein Ausdruck, gerappelt voll ist das Frankfurter Gibson. „Ihr seid ja noch snobbier hier als Zürich, cool“, sagt Faber. Der senkrecht gestartete Singer-Songwriter ist mit Band so ziemlich das Durchschlagendste, was die deutschsprachige Musikwelt gerade hergibt. Während unweit im Zoom der Dortmunder Kayef justinbiebert, explodiert im Gibson eine musikalische Wundertüte.

Jetzt muss Text zitiert werden. Die Zeilen „Einer von uns beiden war ein Arschloch / und das warst du“ gehören zum selben Song („Sei ein Faber im Wind“) wie „Jeder Jäger träumt von einem Reh / jeder Winter träumt von Schnee“. Oder so: „Vögel fliegen in den Sonnenuntergang hinein / Ich sag, du, ich, wir zwei, für die Ewigkeit / Und du sagst, Ach, Baby, du und dein Romantikscheiß / Es ist schön mit dir, doch es könnte schöner sein.“

Das ist nicht ironisch gebrochen, das ist lakonisch gekotzt. Manche Kritiker finden es zu derb, wenn „Brustbeinearschgesicht“ besungen oder „Wem du’s heute kannst besorgen“ gezotet wird. „Besorgter Bürger, ich besorg’s dir auch gleich“ kommt, sagen wir mal, nicht völlig ohne die Androhung körperlicher Gewalt aus. Faber wirft sein lyrisches Ich in Posen: „Widersteh dem Widerstand / Steh standhaft nebendran“ oder „Genug war nie genug für mich / Heute ist mir nichts schon viel zu viel“. Die musikalische Urkraft dazu drückt das Gegenteil aus: Spielfreude, Lebensgier, Erlebnishunger. Dass Faber nicht nur Sven Regener, von Knyphausen und van Dannen, sondern auch Wader Wecker Mey gründlich verdaut hat, sollte jetzt auch klar sein.

Julian Pollina heißt er eigentlich und ist Jahrgang 1993, sein Vater der Cantautore Pippo Pollina. Er streunt seit dem Musik-Abi singend über Hochzeiten und durch alpine Lokale. 2013 nahm Sophie Hunger ihn mit auf Tour, er kam bei der selben Agentur unter wie die nur klanglich ähnlichen Jungs von AnnenMayKantereit, zwei EPs und 2017 das erste Album folgten. Die Tour ist ausverkauft, auch im März im Wiesbadener Schlachthof.

Faber zur Gitarre, das ist passables Picking und die Stimme eines Engels, der sich durch Sankt Petrus’ Whiskysammlung gesoffen hat und schwer mit Luzifers Leuten sympathisiert. Die Band heißt Goran Koc y Vocalist Orkestar nach Keyboarder Goran Koc, der eigentlich Silvan Koch heißt – doppelte Böden als System. Schlagzeuger Tillmann Ostendarp spielt im Wortsinn nebenbei Posaune, Janos Mijnssen statt E-Bass auch mal Cello, Max Kämmerling E-Gitarre, Darbuka und Saxophon. Es entstehen Polka und Pink Floyd, Dreivierteltaktchanson und Disko. Zitatenreich, postpostironisch.

Als x-te Zugabe schleicht die Band ins Publikum und gibt ohne Verstärkung „Bella Ciao“. Nicht die Sommerhitverhunzung. Das alte italienische Lied von der Blume auf dem Partisanengrab.

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