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Ich habe die Musik als Werkzeug entdeckt, sagt Hamza Arnaout.

Arabische Dance-Beats

„Wir wollten der Jugend wieder Mut machen“

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Musiker Hamza Arnaout über die palästinensische Band 47soul, ihr Debütalbum und über politische Positionierungen im arabischen Kulturkreis.

Herr Arnaout, Ihre Musik ist eine wilde Fusion aus Dance-Beats mit modernen, druckvollen Bassläufen und traditionellen orientalischen Klangfiguren. Hierfür haben Sie mit „Shamstep“ ein eigenes Genre erfunden. Erklären Sie uns, was Shamstep ist?
Unsere Musik basiert auf dem Dabke, einem traditionellen Tanz, der bei uns in der Region getanzt wird. Die Region heißt Bilad asch-Scham und umfasst Palästina, Libanon, Syrien, Irak und Teile Jordaniens. Dort leben ganz viele verschiedene Ethnien mit eigenen Traditionen und Dialekten. Das schlägt sich auch im Tanz nieder, von dem es bestimmt zehn verschiedene Varianten und Traditionen gibt. Auf den Konzerten kann ich sagen, woher jemand kommt, wenn ich mir anschaue, wie er den Dabke tanzt. Wir fühlen uns dieser Region, Bilad asch-Scham, zugehörig und deshalb haben wir unsere Musik Shamstep genannt.

Wie politisch ist es, wenn Sie Ihre Musik Shamstep nennen?
Das ist schon politisch. Wir haben keine Angst, uns auch politisch zu positionieren. Auch wenn man das im arabischen Kulturkreis weniger direkt äußert, sondern eher lyrisch verpackt.

Welche politische Position nehmen Sie denn ein?
Wir setzen uns natürlich sehr für ein freies Land Palästina ein. Es geht uns aber auch darum, die Menschen in der Region miteinander zu vereinen und insbesondere der Jugend wieder Mut zu machen.

Und man hört Ihnen auch in Ihrer Heimat zu?
Alle vier Bandmitglieder von 47soul haben vorher in sehr erfolgreichen arabischen Bands gespielt. Diese Bands bestehen alle noch, aber wir sind nicht mehr dabei, weil wir 47soul gegründet haben. Auch wenn unsere Konzerte hier in Deutschland eher in kleineren Clubs sind, so haben wir bei Konzerten in Ägypten zum Beispiel mehr als 10 000 Zuschauer. Wir haben durchaus eine Stimme in der Region.

Ein Element in Ihrer Musik ist der stetige Wechsel zwischen englischem und arabischem Gesang. Zumindest auf Englisch sind Sie ja recht deutlich, singen von Vertreibung und Freiheit. Singen Sie auch auf Arabisch von diesen Themen?
Wir singen auch auf Arabisch von diesen Themen, nutzen aber die Mehrdeutigkeit der arabischen Sprache. Ich finde, auf Arabisch kann man sich viel schöner ausdrücken. Wussten Sie, dass das Arabische 30 verschiedene Ausdrücke für „Liebe“ hat?

Nein, das wusste ich nicht. Welches Lied auf Ihrem Album ist denn das typischste für den arabischen Kulturkreis?
Hm ... Ich würde sagen, dass es „Gamar“ ist. Sowohl von der Instrumentierung als auch vom Text her. „Gamar“ heißt „Mond“. Und das ist in unserer Sprache ein Synonym für eine schöne Frau, die man aber nicht haben kann. Wenn sich also jemand in den Mond verliebt, dann kann das auch bedeuten, dass er unglücklich verliebt ist. „Sich in den Mond verlieben“ bedeutet aber auch im übertragenen Sinn, dass etwas sehr falsch und vorgegaukelt ist. Und daher hat das Stück auch diese gesellschaftskritische Ebene. Wir kritisieren, dass uns immer etwas vorgespielt wird, dass wir von Technologie und Big Data kontrolliert werden. Das steckt da alles drin.

Zieht sich das durch alle Ihre Songs?
Ich finde diese Art zu texten in der Tat sehr faszinierend. Das ist ja keine Erfindung von 47soul. Haben Sie jemals über den Text von „Every Breath You Take“ von The Police nachgedacht? Das ist auch nur auf den ersten Blick ein Lovesong. Stellen Sie sich mal vor, dass es jemand von einem Geheimdienst singen würde. „Every breath you take, every step you make, I’ll be watching you“.

Wo sind Sie denn noch doppeldeutig? Zum Beispiel beim Stück „More Light“?
Das ist ja der englische Part des Songs. Tatsächlich geht es um Licht, aber auch um das Licht der Jugend, das in unserer Heimat zu verlöschen droht. Das ist ja das eigentliche Thema von 47soul.

Wofür steht eigentlich die „47“?
Wir möchten unsere Zuhörer an das Gefühl erinnern, das 1947 in der Luft lag. Also vor der Massenimmigration der Juden im Jahr 1948. Damals war unsere Region voller Leben, voller Poesie und Musik. Wir fragen mit unserer Musik, in welcher Welt wir leben würden, wenn das alles nicht passiert wäre. Damals waren alle Grenzen offen, ein ganz anderer Geist lag in der Luft und in den Köpfen und Herzen der Menschen.

Sind Sie persönlich vom Konflikt in Ihrer Heimat betroffen?
Natürlich. Jeder ist das. Meine Familie hat ein Haus in Jerusalem, das wir seit Jahrzehnten nicht mehr bewohnen können. Meine Familie musste es 1948 verlassen und ist zu Fuß nach Jordanien geflohen, wo ich auch als Flüchtling aufgewachsen bin. Jeder in der Region hat ähnliche Geschichten. Die anderen Mitglieder von 47soul haben ähnliche Geschichten. Wir haben zwar alle palästinensische Pässe, kommen aber aus unterschiedlichen Regionen.

Welches Gefühl haben Sie denn, wenn Sie über diese Geschichten sprechen?
Bitterkeit. Bei uns jungen Menschen ist das vielleicht gar nicht mehr so präsent. Aber die Älteren erinnern sich an eine Zeit, zu der das Leben in der Region noch ganz anders war. Es geht nicht darum, Grenzen einzureißen. Aber wir wollen einfach nicht getrennt sein.

Wie alt sind Sie denn?
Ich bin 1982 geboren. Am Tag der Libanon-Invasion (am 6. Juni durchquerten israelische Truppenteile die entmilitarisierte Zone und drangen in den Libanon vor, d. Red.) Das ist auch so eine Sache bei uns. Fast jedes Geburtsdatum aus dieser Zeit lässt sich mit einem seltsamen historischen Ereignis verknüpfen. Es ist schwierig für uns, den Blick wieder nach vorn zu wenden, auch wenn wir die harten Konflikte vielleicht gar nicht Face-To-Face mitgemacht haben.

Wie sehr leiden Sie persönlich denn heute noch unter den Geschehnissen?
Früher habe ich immer gedacht, dass alles rund um meine Heimat und mein Leben dort total abgefuckt wäre. Aber ich habe die Musik als Werkzeug entdeckt, um damit umzugehen. Rückblickend kann ich sagen, dass es gut war, nicht davor wegzulaufen, sondern das alles in der Musik zu kanalisieren. So kann ich die Dinge zum Guten verändern, das hoffe ich zumindest.

Interview: Arne Löffel

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