Durchbruch in den 70er Jahren - und seither musikalisch aktiv: Der heute 67-jährige Jean-Michel Jarre.
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Durchbruch in den 70er Jahren - und seither musikalisch aktiv: Der heute 67-jährige Jean-Michel Jarre.

Jean-Michel Jarre

„Wir lassen uns freiwillig bis ins letzte Detail ausspionieren“

Der Komponist und Produzent Jean-Michel Jarre über seine überraschende Zusammenarbeit mit Edward Snowden, den Protestsong sowie Trauer und Tod in der Musik.

Von Max Dax

Monsieur Jarre, vergangenen Freitag überraschten Sie die Welt mit der Bekanntgabe, dass Sie ein Musikstück gemeinsam mit Edward Snowden in Moskau aufgenommen haben.
Das war eine ziemlich hektische Aktion. Nicht, dass wir nicht alle heutzutage ein hektisches Leben führen würden, aber ein Treffen mit Snowden zu arrangieren hat es in sich, sage ich Ihnen. Ich musste quasi über Nacht nach Moskau fliegen.

Sie haben von jedem Kollaborateur, mit dem Sie für Ihr „Electronica“-Projekt zusammengearbeitet haben, einen Fingerabdruck genommen, um ihn anschließend als Siebdruck riesenhaft zu vergrößern. Haben Sie auch Snowden gefragt?
Ja, klar! Es hat ihm auch gar nichts ausgemacht, mir seinen zu geben. Er ist sich dessen völlig bewusst, dass er der vermutlich am genauesten ausspionierteste Mensch auf diesem Planeten ist. Seine Fingerabdrücke sind ohnehin längst öffentlich. Er hat keine Geheimnisse und keine Privatsphäre mehr.

Sie sind UN-Botschafter für Menschenrechte. Wie haben Sie seinerzeit auf Snowdens Whistleblower-Enthüllungen im „Guardian“ reagiert?
Mir war damals sofort klar, dass dieser Mann unsere Zeit verändern würde, weil er sein Leben riskierte, um uns über das Ausmaß der Überwachung aufzuklären. Ich musste von allen Menschen vor allem an meine Mutter denken, die bereits 1941 und somit sehr früh im Krieg in die französische Résistance eingetreten ist. Viele Franzosen waren damals gegen die Nazis, aber nur wenige gingen tatsächlich aktiv in die Résistance, auch wenn heutzutage alle behaupten, sie seien damals Widerstandskämpfer gewesen. Tatsächlich hat meine Mutter damals sehr darunter gelitten, dass all jene Wendehälse, die bereit waren, sich mit jeder neuen Autorität abzufinden, sie als „Unruhestifterin“ denunzierten. Edward Snowden hat sich gegen ein pervertiertes System gewandt, ohne sich dabei gegen sein eigenes Land zu wenden. Er hat keine amerikanischen Grundwerte verraten, er handelt in dem Selbstverständnis, die Gesellschaft seines Landes zu verbessern.

Indem Sie Snowden baten, an dem Track „Exit“ mitzuarbeiten, leisten Sie Ihren Beitrag zur Debatte um das Verschwinden des „Protestsongs“. Wie geht man an eine solche Zusammenarbeit musikalisch heran, wenn man weiß, dass das Gegenüber kein Musiker ist?
In dem Track geht es um Big Data und um die Datensammelwut der Behörden bezüglich unserer Privatleben. Mir war klar, dass hier ein treibender, hektischer Technotrack passen könnte, der diese obsessive Suche nach Information musikalisch symbolisiert. Und zugleich sollte es in dem Track um diese Menschenjagd der NSA, des FBI und der CIA auf Snowden gehen — das sind die drei mächtigsten Behörden der Welt.

Edward Snowden hat zuvor jede Zusammenarbeit mit Musikern und Künstlern abgelehnt.
Ich habe den Kontakt zu ihm über den „Guardian“ bekommen. Ich bekam den Namen eines Mittelsmannes, und tatsächlich stellte sich heraus, dass Edward meine Musik wohl kannte und auch mochte – und er sagte zu. Zunächst sprachen wir dann etwa anderthalb Stunden in einer Videokonferenz miteinander. Er saß irgendwo in einem neutralen Zimmer in der Nähe von Moskau, ich in meinem Studio in Paris. Unser Gespräch habe ich aufgenommen. Ich benutzte dann einzelne Schlüsselsätze aus dieser Unterhaltung, in denen sich Edward über die Privatsphäre und die Redefreiheit äußert, für den Track. Er mochte auch den Titel des Tracks, „Exit“, weil er genau zum Ausdruck bringt, was er selbst getan hat: Er ist ausgestiegen aus einem Leben und einer Karriere, die er bereits seit über zehn Jahren verfolgt hatte, weil ihm klar geworden war, dass er seine Arbeit nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren konnte.

Sie trafen Snowden persönlich in Moskau. Wie war das Treffen?
Mir war bald klar, dass ich den Track auch live auf meiner anstehenden Tournee spielen würde. Dafür brauchte ich Bilder, also fragte ich ihn, ob er sich mit mir in Moskau filmen lassen würde. Wir sprachen dort insgesamt drei Stunden miteinander. Er ist ein charmanter, freundlicher junger Mann, zugleich mutig und bescheiden. Er brachte dabei unter anderem zum Ausdruck, dass er gar kein moderner Held sein möchte. Ich habe ihm aber gesagt, dass die freien Gesellschaften Identifikationsfiguren wie ihn dringend benötigen und dass sein Handeln umso mehr Vorbildfunktion hat, je mehr Menschen sich mit ihm auseinandersetzen. Wir leben in einer Zeit, in der es der jungen Generation an positiven Referenzen fehlt.

Ist es wirklich so?
Jede Jugendgeneration erlebt kollektiv Momente der Identifikation und der Ablehnung gegenüber der Politik. Meist geht es um das Ablehnen korrupter oder reaktionärer Regierungen. Aber wenn man Veränderung will und positive Identifikationsfiguren wie Edward Snowden fehlen, die ebenfalls die Veränderung suchen, dann gerät man im schlimmsten Falle an negative Populisten wie Donald Trump oder Marie Le Pen, die Heil versprechen, indem sie alles zu zerstören bereit sind, was die Zivilisation aufgebaut hat.

Es ist interessant, dass Edward Snowden über seine Musiksozialisation sagt, er sei mit Computerspielen groß geworden – und mit deren elektronischen 8-Bit-Hintergrundmusiken.
Ich hätte gerne auf diese Aussage in dem Track Bezug genommen, aber ich habe „Exit“ erst sehr spät und unter dem Druck des Veröffentlichungsdatums der Platte komponiert — und da wusste ich noch nichts von seinen Kindheitserinnerungen. Die hat er mir erst in Moskau erzählt.

Haben Sie mit ihm auch über andere Whistleblower wie Chelsea Manning gesprochen? Immerhin hat sie, anders als Sie, die volle administrative Härte des Systems abbekommen.
Darüber haben wir natürlich gesprochen. Ich habe ihn gefragt, ob er sich dessen bewusst gewesen sei, dass er von nun an nie wieder in seine Heimat zurückkehren könne. Er weist darauf hin, dass sein Handeln weder Tote gefordert noch Schaden für die Menschen in seinem Land angerichtet habe. Nicht zuletzt war ihm wichtig, dass ich weiß, dass er in Russland keineswegs politisches Asyl gesucht habe. Er betrachtet sich nicht als politischer Flüchtling.

Beeindruckt Sie eine solche Haltung?
Absolut! Schließlich bin ich selbst gar nicht so mutig und standfest. Ich weiß nicht, ob ich wie meine Mutter in die Résistance gegangen wäre. Wie könnte ich das auch behaupten? Man erkennt erst in der Sekunde der Wahrheit die eigene Stärke – oder das eigene Versagen. Ganz klar kann ich aber meine Mutter und Edward Snowden für das bewundern, was sie getan haben.

Vermissen Sie in Europa ein politisches Selbstverständnis, das Snowden beispielsweise Asyl in Frankreich angeboten hätte?
Ja, das vermisse ich sehr. Die Politiker mit Charisma und Standfestigkeit gibt es nicht mehr. Ich spreche von Leuten wie de Gaulle, Kohl oder Schröder, der Nein zum Irakkrieg sagte. Ich bin mir sicher, dass de Gaulle Edward Snowden Asyl in Frankreich angeboten hätte. Aber weit und breit sieht man heute nicht einen einzigen europäischen Politiker mehr von Format. Sie scheinen alle Angst zu haben – aber wovor? Vor einem Liebesentzug der Amerikaner? Die Regierungschefs der großen europäischen Nationen erinnern mich an die Fürsten des Mittelalters und der Renaissance, als es kleine Prinzen in Venedig, Bayern oder in Burgund gab, die immer nur genau bis zum Horizont ihrer Landesgrenzen geschaut haben und zu wirklich weitsichtigen Entscheidungen nicht in der Lage gewesen sind. Wir werden von Politikern beherrscht, die vergessen haben, dass man nach vorne schauen muss.

Wünschen Sie sich Edward Snowden als Staatsoberhaupt?
Nein, aber wäre ich Mitglied des Komitees für den Friedens-Nobelpreis, dann stünde Edward Snowden ganz oben auf der Liste! Deshalb habe ich ihn in mein „Electronica“-Projekt integriert, und deshalb habe ich auch das zweite Album ihm gewidmet.

Mit den über dreißig Mitstreitern auf Ihren „Electronica“-Alben lassen Sie aber noch eine zweite Botschaft verlautbaren – dass Sie, Jean-Michel Jarre, jeden Star dieser Welt anrufen und zu einer Zusammenarbeit mit Ihnen überreden können.
Aber dem ist doch auch so. Und im Übrigen gibt es einen roten Faden, was die Themen der Songs beider „Electronica“-Alben anbetrifft: Es geht um die Ambiguität zwischen unserer freiwilligen Abhängigkeit vom Smartphone, vom Internet und von der schönen digitalen Konsumwelt einerseits – und darum, dass wir uns freiwillig bis ins letzte private Detail und Verhaltensmuster ausspionieren lassen. Mit Laurie Anderson habe ich einen Track mit einem erotischen Subtext geschrieben, in welchem es darum geht, dass wir unser Smartphone heute vermutlich häufiger berühren als unseren Lebenspartner. Und meine Zusammenarbeit mit Robert Del Naja von Massive Attack ist ein Track über die CCTV-Technologie und wie wir rund um die Uhr von Videokameras überwacht werden. In meinem Song mit Cindy Lauper schließlich geht es um die Abgründe der Liebe in den Zeiten der Tinder-App. In diesem Zusammenhang ist die Einladung an Snowden sinnvoll.

Alexander Kluge hat in dieser Zeitung die These aufgestellt, dass die elektronische Musik einiges erreicht habe, ihr aber bislang die Fähigkeit zur Trauer abginge. In Momenten großer kollektiver Trauer – wie zum Beispiel bei dem Terroranschlag auf das Bataclan in Paris – sei man quasi gezwungen, auf die Requiems von Brahms oder auf Mozart zurückzugreifen. Auch auf „Electronica“ fehlt ein solcher Ansatz.
Interessante Frage. Alle Requiems sind liturgische Totenmessen, sie stehen in einem klar religiösen, nicht zuletzt katholischen Zusammenhang. Sie sind also religiöse Musikstücke. Da die Religion in unserer westlichen Welt keine so wichtige Rolle mehr spielt wie früher, scheint der zeremonielle Ansatz, den Musik über die Jahrhunderte gehabt hat, weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Mich hat es sehr beeindruckt, dass zum Beispiel David Bowie darauf bestanden hat, die Passage vom Leben in den Tod ganz bewusst ohne Zeitverlust zu begehen. Er hat, quasi als letzten Willen, verfügt, dass seine sterblichen Überreste sofort nach seinem Tod ins Krematorium überführt und eingeäschert werden sollten – um die Reise ins Licht nicht zu gefährden oder künstlich zu verlängern. Ich würde Ihre Frage also eher so beantworten, dass ich ein generelles Desinteresse heutzutage feststelle, wenn es um den Tod geht und wie wir uns rituell auf ihn vorbereiten. Fehlende zeitgenössische Musik für die Toten und die Reise in den Tod ist dann nur noch ein Randaspekt des eigentlichen Problems. Ich habe für meine Mutter eine Zeremonie organisiert, obwohl sie selbst gar nicht religiös war. Aber wenn Sie mich fragen, würde ich den „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ von Karlheinz Stockhausen in die Diskussion werfen wollen. Dieses Stück moderner elektronischer Musik kommt einem Requiem doch recht nahe. Und in einer sekulären Welt dürfte John Lennons „Imagine“ so etwas wie ein modernes Requiem darstellen.

Als wir uns 2009 in Ihrer Wohnung am Arc de Triumphe trafen, erzählten Sie von Kindheitserinnerungen an Ihre Mutter. Sie habe stets in der Küche gesessen und mithilfe eines Webrahmens Kleidungsstücke gewebt. Der Rhythmus dieser Maschine sei Ihre erste musikalische Wahrnehmung gewesen.
Das stimmt. Und ich sagte Ihnen, dass ich eines Tages auf die Suche gehen sollte, exakt die gleiche Maschine noch einmal wiederzufinden. Das wäre dann vermutlich ein Moment, wie ihn Marcel Proust mit seinen Madeleines beschrieben hat: Ein Tor zur Kindheit. Das Rattern des Webrahmens.

Carsten Nicolai, wie Sie international erfolgreicher Elektronik-Musiker, erwähnte kürzlich in einem Gespräch, dass die ersten elektronischen Webrahmen eigentlich als die ersten Computer angesehen werden müssten, da sie mit Lochkarten gefüttert wurden, die der Maschine diktierten, welche Muster sie weben würde. Man könnte sogar so weit gehen, die Lochkarten als Kompositionen zu betrachten.
Der Webrahmen meiner Mutter war noch nicht elektronisch. Sie musste den Webschlitten per Hand durchstecken, und ich erinnere mich, dass ich ihr als Kind immer die Schultern massieren musste. Dafür nahm mich meine Mutter dann mit auf die Konzerte von Chet Baker. Das ist übrigens noch so ein Musiker, der, ohne religiös gewesen zu sein, eine enorme spirituelle Energie in seiner Musik rübergebracht hat. Neben dem Klackern des Webrahmens war es die Trompete von Chet Baker, die ich als meine zweite frühe musikalische Erinnerung nennen würde. Ich fühle den Luftstoß seines Instruments auf meiner Kinderbrust noch heute. Es war das erste Mal, dass ich angesichts eines Klanges in großen Gefühlen schwelgte. Ich wollte Musiker werden.

Interview: Max Dax

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