+
Jeff Tweedy im Juli 2019 beim Newport Folk Festival.

Musik

Wilco-Sänger Jeff Tweedy: „Let’s Go“ – Nachträgliche Liebe

  • schließen

Wilco-Sänger Jeff Tweedy legt mit 52 Jahren eine starke Autobiografie vor.

Was Jeff Tweedy von anderen Rockstars unterscheidet, ist die Tatsache, dass er kein Rockstar ist. Er ist Songwriter, Musiker, Sänger und Frontmann der Rockband Wilco, mit der er ein gutes Dutzend Platten aufgenommen hat. Er ist zudem als Solist aktiv, betreibt etliche Nebenprojekte und musiziert mit seinen Söhnen Spencer und Sam. Als Produzent hat er drei Alben der Soul-Ikone Mavis Staples betreut, er war mit dem Folk-Heroen Richard Thompson im Studio und hat einen Stapel Liedtexte von Woody Guthrie vertont. Jeff Tweedy ist seit mehr als einem halben Jahrhundert eine Schlüsselfigur der amerikanischen Independent-Szene, aber im Grunde genommen kennt ihn kein Mensch.

Bis auf all jene natürlich, die seine Musik lieben. Sie werden auch seine Memoiren lieben, die er im jungen Alter von gerade einmal 52 Jahren veröffentlicht. „Als ich klein war, sagte mein Vater immer dann, wenn seine Präsenz irgendwo außerhalb seiner Komfortzone verlangt war: ,Let’s go, so we can get back‘.“ So erklärt sich der Titel des Buches. Auf geht’s, dann können wir bald wieder umkehren. Dieses Zögerliche, dieses familiär ererbte Bestreben die Dinge nett und schlecht zu belassen, zieht sich durch das ganze Buch. Tweedys Leben ist geprägt von Ängsten und Depressionen, Abhängigkeiten und „fehlangepasstem Verhalten“, wie er es nennt.

Die Zone persönlichen Wohlbefindens muss er gar nicht verlassen, sie ist ihm völlig fremd. Ein Unbehagen bleibt immer, selbst in Momenten des Glücks. Das Schreiben habe ihm geholfen, einige jener Erinnerungen etwas genauer zu betrachten, die er unter normalen Umständen besser nicht aus dem Gedächtnis hervorgekramt hätte. So erfüllt sein Buch für ihn auch einen therapeutischen Zweck, was man in einigen Passagen deutlich bemerkt.

Jeff Tweedy: Let’s Go (So We Can Get Back). Aus dem Englischen von Tino Hanekamp. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2019.

Gegen eine Annahme verwahrt sich der einiges an Leid tragende Künstler jedoch sehr: „Ich glaube nicht, dass es Leid braucht, um bedeutende Kunst zu erschaffen. Im Gegenteil, ich hasse diese Idee. Ich finde sie schwachsinnig. Ich glaube, dass alle Menschen tiefes Leid erfahren. Ich glaube, dass Künstler trotz ihres Leides kreieren, nicht wegen.“ Das klingt alles ziemlich traurig, und so liest es sich streckenweise auch. Aber Tweedy ist ein zu kluger Entertainer, um nicht zu wissen, was er seinem Publikum schuldig ist. „Niemand verfügt über genügend entbehrliches Einkommen, um es für das Memoire eines mäßig erfolgreichen Indie-Rock-Verfechters zu verschwenden, wenn dieses nicht mindestens ein bisschen gute Unterhaltung liefert.“ Mäßig erfolgreich? Zwei Grammys, immerhin.

Seine Lebensgeschichte beginnt in Belleville, einer Stadt im südlichen Illinois, mitten in einer Krise, die die sterbenden Produktionszentren des Mittleren Westens bis heute im Griff hat. Sein Vater arbeitete bei der Bahn und interessierte sich nicht für den Sohn, seine Mutter saß vor dem Fernseher und rauchte. „Mein Eltern taten mir leid. Aber damals noch nicht.“ Es sind Sätze wie diese, kleine Dissonanzen, die die literarische Qualität des Buches ausmachen. Wenn Tweedy von seiner Kindheit in einem minderbegüterten Haushalt erzählt, von seinem Alkoholikervater, seiner unglücklichen Mutter, dann klingt kaum Bitterkeit an, sondern viel Liebe. Nachträgliche Liebe, was alles so schwer erträglich macht. Denn nun sind die Eltern tot.

„Warum hasst du mich?“

Als Teenager gründete er seine erste Band, aus der später die Gruppe Uncle Tupelo wurde, mit der er und sein Jugendfreund Jay Farrar das Genre des Countrypunkrock definierten. 1994 löste sich die Band, deren künstlerischer Einfluss auf die Indie-Rockszene diametral zu ihrem kommerziellen Erfolg bemessen war, unter Schmerzen wieder auf. Es ist das Ende einer Beziehung. „,Warum hasst du mich?‘, fragte ich Jay.“ Tweedy bekommt eine Antwort, die den Kern seines Wesens trifft.

Dann beginnt die Zeit von Wilco, eine Metamorphose, die von dem großen Rockmanifest „Being There“ bis hin zu gebrochenen Werken wie „Yankee Hotel Foxtrott“ und „A Ghost Is Born“ führt. All das wird hier ausführlich besprochen.

Es beginnt aber auch die Zeit der Opiate, die der seit seiner Kindheit an Migräne leidende Tweedy schluckt, bis er nicht mehr er selbst ist. Er weist sich in die Nervenklinik ein. „Und dann bekam ich Hilfe. Das ist vielleicht das Einzige an mir, das mir wahrhaft einzigartig erscheint.“ Am Ende bleibt Dankbarkeit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion