+
Seit mehr als 40 Jahren bilden Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius (l.) das Pop-Duo "Cluster".

Elektro-Krautrock Cluster

Wider das Diktat der Zeit

Musik weiser alter Männer: Das Duo Cluster bringt nun ihr elftes gemeinsames Album auf den Markt. Die Tracks wirken so hypnotisch, als könnten sie das Diktat der Zeit aufheben. Von Thomas Winkler ( mit Video)

Von Thomas Winkler

Vierzig Jahre, das ist eine lange Zeit. Die allermeisten Ehen halten so lange nicht, aber Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius machen schon länger zusammen ihre Musik. Mit "Qua" ist nun ihr elftes gemeinsames Werk unter dem Namen Cluster erschienen. Auf dem Booklet in der CD sind die beiden gesetzten Herren zu sehen, wie sie an einem Tischchen sitzen, vielleicht in einem Cafe, und jeder seine Zeitung liest - wie wie ein altes Ehepaar eben. Auch das rote Brillenetui für die Lesebrille fehlt nicht.

Das Paar, der 75-jährige Roedelius und der auch nur eine knappe Dekade jüngere Moebius, waren einst Pioniere. 1969 gründeten sie mit Conrad Schnitzler, der später auch kurzfristig bei Tangerine Dream wirkte, ihre Band, damals noch als Kluster. Mit Schnitzler ging dann auch das "K", und es begann die große Zeit des Krautrock.

Die deutschen Versuche, die damals noch in den Kinderschuhen steckende elektronische Klangerzeugung mit Formen der populären Musik zu verbinden, fanden allerdings eher im Ausland Anerkennung, vor allem in Großbritannien und Japan. 1977 arbeiteten Cluster mit dem Sound-Architekten Brian Eno, aber schon kurz darauf beförderte der Punkrock die versponnenen Improvisationen und Experimente der Krautrocker ins Kuriositätenkabinett der Musikgeschichte. Nun war Krautrock ein Schimpfwort.

Der Track "Ymstrob" vom neuen Album "Qua" des Duos Cluster

Das änderte sich erst Mitte der neunziger Jahre wieder. Doch während die Rehabilitierung des Krautrock seitdem munter voranschreitet, die alten Platten wiederveröffentlicht werden und die alten Helden wieder auftreten, muss man feststellen, dass der Begriff arg irreführend ist. Vor allem, wenn man Cluster hört, vor allem wenn man "Qua" hört, ihr erstes neues Material seit gut zehn Jahren. Die beiden alten Männer beweisen noch einmal, dass ihr Krautrock diese Schublade niemals verdient hatte.

Vor allem unter den zweiten Teil des Begriffs lassen sich die feinsinnigen, weitgehend improvisierten Tracks von "Qua" nicht einordnen, die über lange Strecken auf Rhythmus verzichten, aber so hypnotisch wirken, als könnten sie das Diktat der Zeit aufheben. Es sind wundervolle Gespinste aus sphärischen Klängen, die in schier endlosen Hallräumen manchmal ziemlich ziellos herumtrödeln. So freundlich geht es aber nicht immer zu, manches Geräusch schiebt dem Wohlklang einen Riegel vor.

Mit "Qua" gelingt Cluster etwas Erstaunliches: Diese Stücke sind einerseits perfekte Soundtapete, andererseits aber auch ihr Abgesang.

Seit einigen Jahren würde man diese Musik wahrscheinlich Electronica nennen, vielleicht auch Lounge oder Downtempo. Roedelius und Moebius allerdings umgehen routiniert die Fallstricke, in denen sich die moderneren Vertreter dieser Genres allzu gern verfangen: Ihre Musik ist meditativ, ohne sich den ausgelutschten New-Age-Klischees zu ergeben. Sie ist monoton und doch voller fantasievoller Details, aufregend und zugleich unaufdringlich. Sie ist leichtfüßig, ohne leichtfertig zu sein, ernsthaft, aber doch nicht ernst. Erholsam, eine Ruhepause von der hektischen Welt, aber doch keine Wellness-Musik. Es ist Musik, die fordert, ohne zu erschöpfen. Es ist, wen wundert´s, weise Musik von weisen Männern.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion