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HR-Sinfonieorchester mit Paavo Järvi in Estland

Das wichtigste Konzert der Tournee

  • VonHans-Jürgen Linke
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Was macht ein deutsches Radio-Sinfonieorchester im Baltikum, weit ab von seinem Sendegebiet? Die Antwort: Es hätte nirgends etwas Wichtigeres und Besseres tun können. Von Hans-Jürgen Linke

Was macht ein deutsches Radio-Sinfonieorchester im Baltikum, weit ab von seinem Sendegebiet? Irgendwo, und vielleicht sogar in einer Behörde, die mit der Frage befasst ist, ob öffentliche Gelder auf korrekte Art ausgegeben werden, wird jemand möglicherweise gerade über dieses Problem grübeln.

Wenn er, was zu befürchten ist, bundesdeutsche Ländergrenzen als Horizontlinien im Kopf hat und dazu keine Ahnung von Musik und von der Welt, die Musik zu schaffen in der Lage ist, könnte er zu dem Ergebnis kommen, dass etwa das HR-Sinfonieorchester zwar nach Weilburg und in den Rheingau reisen soll, aber weiter nicht. Dass solche Denker tatsächlich nicht selten sind, erfährt man gelegentlich anhand bizarrer Argumentationen und sich anschließender absurder kulturpolitischer Debatten.

Leider war vermutlich keiner von ihnen dabei, als das HR-Sinfonieorchester unter seinem Chefdirigenten Paavo Järvi zusammen mit der niederländischen Geigerin Janine Jansen jetzt seine kleine europäische Sommertournee mit Konzerten in den zwei großen Städten Estlands krönte, in der Hauptstadt Tallinn und der Universitätsstadt Tartu.

Plakatiert ist es dort als Frankfurdi Raadio Sümfooniaorkester, das ist nicht schwierig zu verstehen. Obwohl die Ferien noch nicht zu Ende sind und obwohl die Finanzkrise vielen Menschen der gebildeten Mittelschicht im gebeutelten Estland die Entscheidung, ob sie das stattliche Eintrittsgeld für ein ausländisches Orchesterkonzert übrig haben wollen, nicht leicht macht, ist der Saal ausverkauft.

Das Publikum ist kundig und auf leicht erregte Weise neugierig. Schließlich eröffnet dieses Konzert die neue Saison, tout Tallinn ist gekommen. Für Paavo Järvi, der mit vierzehn als Sohn des prominentesten Dirigenten in Estland, Neeme Järvi, mit der Familie das Land verlassen hat und in den USA aufgewachsen ist, ist das Konzert im Estonia Konzertsaal in Tallinn das wichtigste der ganzen Tournee. Wobei man vielleicht erwähnen sollte, dass es unwichtige Konzerte für ihn definitiv nicht gibt und dass immerhin Amsterdam und Prag Tourneestationen waren.

Das Orchester scheint die emotionale Ausnahmesituation seines Chefdirigenten gespürt zu haben. Auf dem Programm stehen Béla Bartóks Violinkonzert Nr. 1, seine Rhapsodie Nr. 1 für Violine und Orchester sowie Bruckners Vierte, die so genannte Romantische Sinfonie. Kein exotisches, aber hier im Norden doch einigermaßen ungewöhnliches Programm.

Janine Jansen lädt Bartóks Musik mit expressiver Tongebung und großer Wärme, mit äußerster Elastizität in Tempi und Dynamik und einer zuweilen fast eruptiven Spontaneität auf, die sich auf eine gut gewachsene Sicherheit und Sensibilität zwischen ihr und dem Orchester verlassen kann.

Und obwohl die Tournee auf ihre Zielgerade eingebogen ist, reagiert das Orchester mit großer Wachheit und setzt die kleinteilige Dramatik, mit der Järvi vom Pult her die Musik interpretiert, präzise, klanglich mitreißend und ohne jeglichen Anflug von Routiniertheit um. Und hat nach der Pause noch die beträchtliche Energie, um Bruckners weiträumige, hochgebirgige Vierte plastisch und klangsinnlich tief atmend in den Saal zu stellen.

Die perfekte Antwort

Man kann, ohne jede Arroganz, vermuten, dass man in Tallin nicht allzu oft Zeuge einer dermaßen elaborierten orchestralen Spielkultur sein kann, wie das HR-Sinfonieorchester sie zu präsentieren in der Lage ist. Das Publikum jedenfalls reagierte auf das, was ihm da geboten wurde, mit dankbarem und keineswegs nordisch unterkühltem Überschwang und wollte Janine Jansen, Paavo Järvi und das Orchester am liebsten gar nicht gehen lassen.

Und als sie dann, nach der zweiten tiefschürfend tänzerischen Zugabe (Sibelius´ "Valse triste" und Brahms\'´Ungarische Tänze 5 und 6), alle einander gegenüber standen, die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne und im Saal ihr immer noch rhythmisch applaudierendes estnisches Publikum, war diese Situation eine perfekte Antwort auf alle Fragen danach, was ein deutsches Rundfunkorchester so weit außerhalb des Kern-Sendegebietes macht. Es hätte nirgends etwas Wichtigeres und Besseres tun können.

Neeme Järvi wird übrigens bald nach Tallinn zurückkehren, als Chefdirigent des Estnischen Nationalorchesters. Wir wollen alle irgendwann zurück kommen, sagt sein Sohn Paavo. Und spricht damit zugleich davon, wie wichtig es ist, die Grenzen kleiner Länder auch hinter sich gelassen zu haben.

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