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„What Are People For?“: Don’t go to party

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Von: Stefan Michalzik

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Die vier Leute von What Are People For?
Die vier Leute von What Are People For? Alien Transistor © Alien Transistor

Offen für Assoziationen: What Are People For mit ihrem gleichnamigen Debütalbum.

Eine Frage von philosophischer Dimension. What Are People For? Das Münchner Trio, das so heißt, wartet im Titelsong seines gleichnamigen Debütalbums mit einigen nicht sonderlich ernstgemeinten Ideen auf: an die Tür nageln, in einem Laden feilbieten, auf den Boden legen. Was in der englischen Sprache ihrer Songs entschieden cooler klingt, denn da reimt sich „floor“ (Boden) prächtig auf „store“ (Laden). Und cool soll es nun einmal klingen, was die Künstlerin Anna McCarthy und die Produzentin Manuela Rzytki – sie bilden den Songschreiberkern, hinzu kommt der Schlagzeuger Tom Wu – mit What Are People For betreiben. Oh ja, und dann kommt da am Ende obiger Aufzählung noch ein weiterer Verwendungszweck für Leute: sie in den Krieg ziehen lassen.

Mit derartigen Doppelbödigkeiten ist dieses Album, das bei Alien Transistor, dem von den Notwist-Brüdern Markus und Micha Acher gegründeten Label, veröffentlicht wurde, nur so gespickt. Es ist zu sehen in einem Zusammenhang mit dem interdisziplinären Ansatz, den die in Bayern geborene und in Glasgow aufgewachsene Anna McCarthy zwischen Malerei und Zeichnung, Installation, Performance und Film verfolgt.

„What Are People For?“ war schon der Titel einer Ausstellung vor fünf Jahren im Kunstverein Göttingen sowie eines Künstlerinnnenbuchs. Sängerin war Anna McCarthy schon bei der psychedelisch orientierten Münchner Band Damenkapelle; die Musikerin Manuela Rzytki war zuvor unter anderem ein Teil des Münchner Duos Parasyte Woman.

Der perkussiv geprägte New-Wave-Sound erinnert in seiner energetischen Art an Tom Tom Club, der Nebenbei-Band von Tina Weymouth und Chris Frantz von den Talking Heads. Darüber hinaus bauen What Are People For gern auf die Rauheit und Frische eines DIY-Sounds, gleichfalls ein Anklang an den Geist der achtziger Jahre. Das plinkernde „indische“ Riff in „Nursery Rhyme“ erinnert an den „indischen“ Produzenten-Trademark-Sound des Rappers Timbaland, das glitzernde Riff in „Summer of War“ an den Synthiepop der siebziger Jahre.

Das Album:

What Are People For?: What Are People For? Alien Transistor

In ihren Texten mischt Anna McCarthy in einer fragmentierten Manier Dinge aus dem gesellschaftlichen Kessel auf. Da ist etwa das finale Plädoyer „Bring Back the Dirt“ – der Schmutz als Mittel gegen die klinische Reinheit des Weißen. Was mit der Soundästhetik dieses Albums eingelöst ist, außerdem lässt sich „weiß“ natürlich auch anders lesen. In dem düster-humorigen Song „Summer of War“ wird unter anderem der Eukalyptusbaum als Rassist geschmäht.

Flashartig auf den Punkt gebrachte Eindrücke bei einer Fahrt mit der besagten Londoner Buslinie reiht Anna McCarthy in „73“ wie ein Gedicht, vorangesetzt eine Liste ehemaliger britischer Kolonien, an deren Ende dann ein „Tuvalalalalalallalaaluuuuuuu“ steht. Ein Stück über den Untergang der englischen Monarchie, wie sie in einem Interview gesagt hat. Als Einflüsse für ihren Spoken-Word-Ansatz nennt sie englische Punk-Poeten wie John Cooper Clarke sowie Kae Tempest und die Sleaford Mods.

In „Party“ fordern What Are People For im Übrigen: „Don’t go to party/ take your time“, lass dir Zeit. Was man als einen Aufruf zu einem bewussten Leben interpretieren kann – oder wahlweise auch ganz anders. What Are People For lassen auf diesem Album die Assoziationsräume sperrangelweit offen.

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