Sind auf ihre Weise unberechenbar: Low.
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Sind auf ihre Weise unberechenbar: Low.

Neue CDs von Low und Rivulets

Western-Songs, zerbrechend

  • Olaf Velte
    vonOlaf Velte
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Hier gibt es den ganzen Musiktrip: Neue Alben von Low (auf ihre Weise unberechenbar) und Rivulets alias Nathan Amundson (auf seine Weise magisch).

Obwohl der Musikfreund die Liste liebt, kann eine gute Portion Misstrauen nicht schaden. Nicht immer lässt sich des Lebens Vielfalt ins Ranking pressen. Weben die „30 besten Psychedelic-Songs“ tatsächlich den einzig wahren Teppich, auf dem sich bewusstseinserweitert reisen lässt? Merkwürdigerweise hatte keiner der Listenmacher das amerikanische Trio Low auf seinem Merkzettel. Es kann nur daran liegen, dass Mimi Parker, Alan Sparhawk und Steve Garrington dem ehrwürdigen Grundsatz „Drogen nehmen, um Drogenmusik abzuliefern“ ihre Gefolgschaft versagen. Das sind eher Leute, die überkommene Prinzipien in Ehren halten und ihren Kindern eine ordentliche Heimstatt bieten wollen.

Und unlängst ihr elftes Studio-Album unter dem Titel „Ones and Sixes“ herausgebracht haben. Die wiederum im Hause Sub Pop erschienene Sammlung bietet in 57 Minuten bewährte Inhaltsstoffe – was meint: Unberechenbarkeit.

Seit den Anfängen 1993 ist das Schaffen von Low durch raffinierten Minimalismus, konsequente Verlangsamung, vokale Zweistimmigkeit geprägt. Dazu gesellt sich eine Lust am Experiment, am Ausdehnen der Ausdrucksmöglichkeiten. „Psychedelisch“ darf dieses Werk durchaus genannt werden – mit schweren Störmanövern während des Fluges ist aber jederzeit zu rechnen.

Dass Mimi Parkers nach drei Minuten einsetzende Sangeskunst dem zuvor fast in Schwulst versackenden „Lies“ die Rettung bringt, gehört ebenso ins Bild wie die hypnotische Großtat „The Innocents“. Doppeldeutig schon vom Titel her, werden auch musikalische und textliche Struktur in der Schwebe gehalten. Kraftvoll darf die Gitarre zugreifen, im Hintergrund herumlärmen, sich endlich hinaufschrauben. Wo längst die Makellosigkeit hymnischer Gesänge herrscht. – Und sind die Schuldlosen nicht auch stets die Unwissenden?

Weltgeburt en miniature

Das Trio scheut auf „Ones and Sixes“ den Einsatz von Elektro-Beats nicht, unterwirft auch das Maschinelle der kompositorischen Zerreißprobe. Wie sie es immer wieder schaffen, die Ehrungenschaften ungehobelter Saitenzerrerei mit Harmonieseligkeiten à la Beach Boys und Beatles zu verschmelzen, muss ein Rätsel bleiben. Es ist zu vermuten, dass diese Leute eine Mission haben. Wer das fast zehnminütige „Landslide“ hört, erlebt eine Weltgeburt en miniature. Mit Hilfe des überschaubaren Instrumentariums werden sie lebendig, die Flutwellen und Erdplattenverschiebungen, die Gebirgsauffaltungen und ziehenden Bisonherden. – Wer Low wählt, bekommt den ganzen Trip.

Und derjenige darf sich auch zu „I remember everything“ bekennen. Die aktuelle Veröffentlichung von Rivulets – dem Band-Projekt des aus Denver stammenden Sängers und Gitarristen Nathan Amundson – verdankt seine Existenz der Unterstützung durch Low-Mann Alan Sparhawk. Zweifellos eine der willkommenen Überraschungen des ausklingenden Jahres.

Was mit zupackender Kraft anhebt und durch zehn Songs leitet, ist getragen von faszinierender Eigensinnigkeit. Dazu braucht es wenig – nur Bassist Francesco Candura und Schlagzeuger Nathan Vollmar geben dem Freigeist hier Geleit. Verstörungen, die sich in Wort und Ton einbrennen. Bei „Into the Night“ sorgt schon die Auftaktzeile für die richtige Temperatur: „Spent the winter in that bar across the street“.

Seit gut fünfzehn Jahren bewegt sich Rivulets – „I was once a handsome man“ – in einem Kosmos, der an zu Grabe getragene Bands wie Ride oder Galaxie 500 denken lässt. Referenzgrößen, denen musikalische Neuerungspotenz und Kurzlebigkeit gleichermaßen zugewiesen war. Amundson – ein trefflicher Sänger und Arrangeur, Meister einfacher Mittel – traktiert sein Material bis zum Zerbrechen. Es sind die zärtlich-stillen, oft akustischen Eruptionen, die „I remember everything“ (fantastischer Titel, wunderbares Cover) zum Glühen bringen. Da gewittert es vernehmlich im Gitarrenhimmel, bevor sich in „Summer Rain“ die Schleusen öffnen.

Unüberhörbares Herzstück des Albums ist „Ride on, Molina“, dieser über die Klinge gezogene Sog zu Ehren des toten Jason Molina. „I’ll sing my western songs for you.“ Sieben Minuten reiner Magie, sieben Minuten, die uns durch den Winter bringen.

Low: Ones and Sixes. Sub Pop / Cargo Records

Rivulets: I remember everything. Jellyfant Records.

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