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Arturo Chácon-Cruz, Werther, könnte fast als Double seines Regisseurs durchgehen.

Rolando Villazón

Werther und seine Kinder

In der Lyoner Oper gibt es „Werther“ nach Goethe von Jules Massenet, und der mexikanische Startenor Rolando Villazón, selbst ein prototypischer Werther, hat von Opernchef Serge Dorny die Chance seiner ersten Opern-Regie bekommen. Nicht zu seinem Schaden, das Publikum feiert die Aufführung frenetisch.

Von Hans-Jürgen Linke

Die Breakdancer und Skateboarder sind zufrieden mit den schwarzen Marmorplatten im Eingangsbereich des Opernhauses in Lyon. Nur die besten von ihnen dürfen sich dort produzieren, die anderen üben ein paar Meter weiter auf den unebenen Betonplatten der Place Louis Pradel, bis sie cool genug sind.

Drinnen gibt es die Oper „Werther“ nach Goethe von Jules Massenet, und Rolando Villazón, tief gestürzter Ikarus des Tenorfachs und selbst ein prototypischer Werther, hat von Opernchef Serge Dorny die Chance seiner ersten Opern-Regie bekommen. Nicht zu seinem Schaden. François Séguin lässt Bühnenbild und Kostüme von traumklarem Weiß dominieren, nur wenige zur äußeren, ordentlichen Realität gehörende Figuren wie Albert tragen realistische Kleider, Schmidt und Johann sind als Clowns kostümiert, und in einem großen Käfig auf der Vorderbühne, der das Gefängnis der gesellschaftlichen Normen repräsentiert, ist die meiste Zeit ein trauriger Clown im Werther-Habit platziert. Ansonsten ist die Bühne oft voller biedermeierlich inszenierter Kinder, die die Familie des biedermeierlich ausgestatteten Amtmanns (Alain Vernhes) ausmachen.

Ein Kind aus einer ganz anderen Familie begleitet Werther als weiterer Schatten seiner Existenz. Und so kann er, gestützt von zwei externalisierten Seelenzweigen, ungestört und ungehemmt leiden. Arturo Chácon-Cruz könnte fast als Double seines Regisseurs durchgehen. Er hat eine ähnliche Statur, ein ähnliches stimmliches Profil, eine ähnliche Hingabe an die emotionalen Tiefen und Facetten einsam-aufgewühlten Leidens, die gleichen schwarzen Haare. Mit anderen Worten: Arturo Chácon-Cruz ist selbst ein prototypischer Werther mit überzeugend intensivem tenoralem Ausdrucksvermögen.

Ganz und gar uncool

Fast vom ersten Augenblick an beginnt er mit dem Leiden und Sterben, schon seine Betrachtung der Charlotten-Idylle ist eher ein Dahinschmelzen und Vergehen als teilnehmendes Erleben. Werther ist ganz und gar uncool. Das zeigt der Werther-Clown im Käfig deutlich, das Kind mimt reine, süße Unschuld, und man freut sich, dass Werther hier eine Summe aus drei Bühnenfiguren ist. Gäbe es nur diesen hilflosen Gefühlsmenschen, das wäre nicht zum Aushalten. Übrigens trägt Werther hier nicht die ihm von Goethe zugedachte Blau-Gelb-Kombination, sondern einen gelben Gehrock überm schwarzen Habit: also eher eine Farbgebung, die eine Warnung vor Gefahr darstellt.

Charlotte (Karine Deshayes) und ihre jüngere Schwester Sophie (Anne-Catherine Gillet) sind von rescherem Zuschnitt. Vor allem Anne-Catherine Gillets Sophie bringt unkomplizierte Freundlichkeit und emotionale Klarheit ins Spiel, pointiert mit kurzen, tänzerisch bewegten Pantomimen ihre kleinen emotionalen Ambivalenzen, und ihre Stimme besitzt fein dosierte Leuchtkraft und elastische Stärke. Karine Deshayes Mezzo ist daneben mit einer ganz andren und sehr komplexen, aspektreichen Palette an emotionalen Nuancen ausgestattet, die sie in ihren extensiven Duo- und Solo-Auftritten zu überzeugenden kleinen Dramen nutzt.

Es ist nicht unbedingt erstaunlich, dass in einer von Rolando Villazón verantworteten Inszenierung ausgezeichnet und intensiv emotional gesungen wird, aber es ist doch bemerkenswert, wie gut und überlegt das in der Oper in Lyon geschieht. Und dass die Inszenierung streckenweise schlicht daraus besteht, die Sänger physisch möglichst unbeeinträchtigt singen zu lassen, ist eine eher lässliche Lücke: Sänger wollen singen, und inszenierende Sänger wollen sie singen lassen.

Eine vorzügliche Unterstützung

Und Werther ist ja meistens durch seine beiden Seelenassistenten entlastet. Meistens. Denn als das Sterben im dritten und vor allem im vierten Akt immer näher rückt und bewältigt werden will, verschwinden die Clowns doch. Da bekommt das Groteske, Selbstzerstörerische der Werther-Figur keine Unterstützung mehr, da ist Arturo Chácon-Cruz allein mit sich, seiner Stimme, seinem Heulsusen-Gesichtsausdruck. Und mit dem Orchester.

Leopold Hager am Pult des Orchestre de l’Opéra de Lyon kann man kaum genug loben für seine Arbeit. Er bietet den Sängern eine vorzügliche Unterstützung, aquarelliert anregend im Hintergrund, er gestaltet die Brüche und die zuweilen schweren Farbaufträge Massenets präzise und bringt zuweilen auch die Sänger in solche Bedrängnis, dass ihnen im richtigen Moment kein anderer Ausweg als die große, eruptive Entfaltung bleibt und kein Kompromiss und nichts Geringes mehr.

Hager und sein Orchester sind es auch, die vor allem im vierten Akt die szenisch fehlenden Clown-Figuren ersetzen und selbst die Situation markieren, in die Werther getrieben wird – eine gelungene lehrstückhafte Arbeit über die dramatischen Forderungen, die Musik auf die Bühne bringen kann.

Villazóns Inszenierung und Villazón selbst, die vielen Kinder auf der Bühne, die drei Hauptpartien wurden vom Premierenpublikum geradezu frenetisch gefeiert, und auch für alle anderen blieb noch viel Beifall übrig. Der Nerv, den die Inszenierung getroffen zu haben scheint, ist einer, der sich gern unter Coolness verbirgt. Im Publikum waren zwar wohl nicht gerade die Breakdancer von der schwarzen Marmorbühne vor der Oper, aber erstaunlich viele erstaunlich junge Leute. Die Gefahr, dass es wieder, wie zu Goethes Zeiten, zu Nachfolgetaten kommen wird, ist gleichwohl gering.

Opéra de Lyon: 26., 28., 30. Januar, 1., 3., 5., 7. Februar. www.opéra-lyon.com

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