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Werkschau über die Anfangsjahre der Band Blondie: Übrigens - Blondie ist eine Gruppe

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Von: Christina Mohr

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Virtuos und experimentell: Blondie.
Virtuos und experimentell: Blondie Foto: Universal Music © Universal Music

Die Anfangsjahre der Band feiert die Werkschau „Against the Odds 1974-1982“

Sie habe ja geahnt, dass Chris Stein „eine Menge Zeug“ aufgehoben hätte, denn er wäre schon während ihrer gemeinsamen Zeit als Liebes- und Musikerpaar ein leidenschaftlicher Sammler gewesen, sagte Debbie Harry kürzlich in einem Interview. Dass sich aber so viel Material aus den Anfangsjahren von Blondie bis zum vorläufigen Aus der Band im Jahr 1982 in Steins Scheune in Woodstock, New York befand, konnte außer dem Gitarristen selbst niemand ahnen.

Produzent Ken Shipley spricht zu Recht von einem Schatz, den die drei Blondie-Kernmitglieder – Harry, Stein und Drummer Clement Burke – sorgfältig sichteten und zu einer Werkschau zusammenstellten, die in drei unterschiedlich ausgestatteten Editionen erhältlich ist. Neben den vielen raren, bisher ungehörten Songs, Cover- und Demoversionen liegt besonderes Augenmerk auf den Linernotes: Das üppige Begleitbuch erzählt anhand von O-Tönen, Essays und Track-by-Track-Kommentaren Blondies fast 50-jährige Geschichte, die von Anfang an von Missverständnissen geprägt war – was angesichts vierzig Millionen verkaufter Tonträger vielleicht merkwürdig anmutet, aber der Wahrheit entspricht.

Als Blondie erfolgreich wurden, verteilte die Band Buttons mit der Aufschrift „Blondie is a group“, um dem Eindruck entgegenzuwirken, es handele sich bei den männlichen Mitgliedern um Musiker, die zur Begleitung einer attraktiven Sängerin angeheuert wurden. Nichts hätte falscher sein können.

Blondie fanden im New York der 70er zusammen, als gleichgesinnte Musikfreaks mit Liebe zu Girlgroups und Sixties-Pop. Als Teil der Bowery-Punkszene rund um den Club CBGB’s verbot sich ihnen jedoch eine allzu nostalgische Haltung. Popkulturelle Vergangenheit bildete lediglich das Fundament des Blondie-Sounds.

Auf dem Debütalbum von 1976 sind alle Elemente enthalten: Anspielungen auf die 60er Jahre, die starke visuelle Präsentation, schräger Humor und die durch viele Auftritte gereifte musikalische Leistung.

Dass Blondie im Gegensatz zu vielen Punk-Zeitgenossen eine virtuose und experimentelle Band waren, unterstreicht die Evolution von „Heart of Glass“, dessen Metamorphosen auf dem Boxset nachzuhören sind: Zwischen Rock und Reggae schwankend beginnt der urspünglich „Disco Song“ genannte Track seinen Weg bereits 1974, um vier Jahre später endlich zur discofiziert-glamourösen Gestalt zu finden, für den Blondie von der eigenen Szene Ausverkauf vorgeworfen wurde. Auch Songs wie „Atomic“, „Rapture“ und der in Zusammenarbeit mit Giorgio Moroder enstandene Welthit „Call Me“ durchliefen verschiedene Stadien. Besonders interessant ist die „Home Tap“-Version von „Sunday Girl“, die dunkler und seltsamer klingt als der leuchtende Popsong vom 1978er-Hitalbum „Parallel Lines“.

Dessen Producer Mike Chapman ist auf „Against The Odds“ übrigens mehrfach als (untalentierter) Sänger zu hören, angeblich, um Debbie Harry im Studio zu entlasten: Man kann ihm nur zustimmen, wenn man ihn am Ende von „Die Young, Stay Pretty“ sagen hört, „Boy, that was a mess“.

Keineswegs messy ist dagegen die Coverversion des Doors-Songs „Moonlight Drive“, mit der sich Blondie im Bluesrock-Outfit präsentieren – viel zu entdecken also von einer Band, die nach ihrem Scheitern am Erfolg (es empfiehlt sich, die Geschichte um ihr Schwanengesang-Album „The Hunter“ nachzulesen) 1999 in veränderter Besetzung wieder zusammenfand und bis heute tourt und Platten aufnimmt. Bleibt zu hoffen, dass Chris Stein auch die Arbeit dieser Jahre archiviert.

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