Eliahu Inbal und die HR-Sinfoniker bei der Eröffnung des Rheingau Musik Festival 2018 in Kloster Eberbach.
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Eliahu Inbal und die HR-Sinfoniker bei der Eröffnung des Rheingau Musik Festival 2018 in Kloster Eberbach.

Rheingau Musik Festival

Wenn man statt "Gloria" immer "Viva" hört

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Puccinis Messe und Berlioz? "Harold" zur Eröffnung des Rheingau Musik Festivals in der Basilika von Kloster Eberbach.

Mit einem nicht so naheliegenden, aber besonders glücklichen Konzertprogramm hat das 31. Rheingau Musik Festival angefangen. Auf Hector Berlioz’ „Harold en Italie“ folgte Giacomos Puccinis „Messa di Gloria“, auf ein nicht zu massives Orchesterwerk ein formal jedenfalls geistliches Chorstück. Beides war in der hallfreudigen, manches wegschluckenden, anderes riesenhaft verzerrenden Akustik der Basilika von Kloster Eberbach verhältnismäßig gut aufgehoben. Beides konnte sehr kurzfristig auch von dem 82-jährigen Eliahu Inbal dirigiert werden, der als dessen Vorvorvorvorgänger den gesundheitlich verhinderten Chefdirigenten des HR-Sinfonieorchesters, Andres Orozco-Estrada, ersetzte.

„Harold en Italie“ des 31 Jahre alten Berlioz schloss an die „Symphonie fantastique“ zum Auftakt der vergangenen Saison an. Mit solchen weiten Bögen erprobt das Festival schon seit vielen Jahren das Langzeitgedächtnis (vielleicht schon immer, wenn man sich nur erinnern könnte). Als Solobratschist war Antoine Tamestit zu Gast und unterstrich die feine Herangehensweise des Orchesters mit seinen exquisiten, sich elegant aus der Menge schraubenden Interventionen. Selbst der bezaubernde Schrägton, der sich im Pilgermarsch (dieser auf Lord Byron zurückgehenden Sinfonie-Dichtung) immer wieder quer zum sonoren Choral legt, blieb unaufdringlich. Zart und behände die Serenade des Bergbewohners, und beim abschließenden Gelage der Räuber blieb der Donner mild und die Klangwalze Richtung Finale rollte sanft. So impressionistisch ist der große Romantiker selten zu hören. Es ist schwer zu beurteilen, wie stark Einspringer Inbal das noch prägte, dessen Dirigat von schöner unpathetischer Leidenschaft war.

Die „Messa a quattro voci“ des 21 Jahre alten Puccini nimmt die Arbeiten des Opernkomponisten fabelhaft voraus – dass er das „Agnus Dei“ später praktisch eins zu eins in die denkbar weltlichen Gefilde des Salons von Manon Lescaut transferierte, entspricht zwar Gepflogenheiten unter Komponisten, ist aber doch charakteristisch. Auch will man ja ständig „Viva“ statt „Gloria“ hören. Und wenn sich das Tenorsolo – Massimo Giordano mit einer angenehmen, leicht angeraut wirkenden Stimme – im „Credo“ (Et incarnatus est) über den Chor legt, dann klingt es, als würde Mario Cavaradossi von der Jungfrau Maria singen, während er eigentlich an seine Floria Tosca denkt. Ebenfalls wie aus einer Puccini-Oper gesprungen der MET-erfahrene chinesische Bassbariton Shenyang. Interessant die verdihaften, etwa an „Nabucco“ erinnernden Chorpassagen. Ein Opernkomponist sucht seinen Weg. Der gar nicht große MDR Rundfunkchor bestach mit jugendlich frischen Stimmen, einem regelrechten Glockensopran und kultivierter Durchschlagskraft. Allerdings überließ das Orchester ihm auch den Vortritt.

Im Publikum waren dezente Saisonaccessoires zu sehen, winzige schwarzrotgoldene Haarschleifen und Einstecktüchlein. In der Tat war auch der frühe Konzertbeginn wohlweislich geplant, für die Gäste gab es direkt im Anschluss die TV-Übertragung. Eindrucksvoll aber auch wieder die Reihe der Fluglärmdemonstranten, die mit entsprechenden Schildern die schmale Straße säumten, auf der Mann und Maus und die Vertreter und Gäste des Sponsors Fraport Richtung Kloster steuern mussten.

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