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Jewgenij Kissin, der Meister der Lautstärkenschattierung, am Werk.
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Jewgenij Kissin, der Meister der Lautstärkenschattierung, am Werk.

Jewgenij Kissins Klavierkonzerte

Wenn Klänge Trauer tragen

Das Andantino aus dem Klavierkonzert in g-Moll von Sergej Prokofjew zeigt uns, wie Dämonen klingen. Der 36-jährige Jewgenij Kissin hat die Dimension des Unausweichlichen erreicht. Von Jürgen Otten

Von JÜRGEN OTTEN

Wie Dämonen klingen? Das Andantino aus dem Klavierkonzert in g-Moll von Sergej Prokofjew zeigt es uns. Jedenfalls so, wie Jewgenij Kissin diesen ersten Abschnitt des Werkes gestaltet: Das Unheilvolle schwingt in jedem Ton der lakonischen, zugleich bleibeladenen Melodie (sie könnte von Schostakowitsch sein!) mit. Schritt für Schritt tritt es näher, zunächst noch maskiert. Aber bald schon, noch vor dem Einsetzen des Allegretto, gibt es keinen Zweifel mehr, wer sich hinter den Masken verbirgt und sein Maul weit aufreißt. Die Dämonen sind unter uns.

Sie waren es auch schon kurz bevor das g-Moll-Konzert, früher Geniestreich, aus der Taufe gehoben wurde, ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkrieges. Soeben legt der Komponist letzte Hand an die Partitur, da erreicht ihn ein Brief seines Freundes Maximilian Schmidthoff: "Lieber Serjoscha, ich schreibe dir die jüngste Nachricht - ich habe mich erschossen. Reg dich nicht zu sehr auf, sondern nimm es mit Gleichmut, das ist genug. Lebe wohl. Max." Es ist kein Scherz. Schmidthoff hat sich das Leben genommen.

Wenn Kissin nun dieses außergewöhnliche Stück spielt (in einer Neuaufnahme mit dem phantastischen Philharmonia Orchestra unter Vladimir Ashkenazy), dann kann man den nach Fassung ringenden Schrecken, den diese Nachricht ausgelöst haben muss, förmlich in jedem Takt hören, das Katastrophische und Umstürzlerische dieser Klänge, das Existenzielle darin. Keiner kann das heute so wie Kissin: die Klänge massieren und zugleich in blitzenden Stahl einkleiden, sie dem Hörer in die Ohren stoßen und dort festschrauben und dabei noch weinen wie Schubert. Darin liegt die Magie seines Spiels. Man ist daran gekettet, hoffnungslos. Man wird es nicht los.

Der Magier scheint ein wenig in die Jahre gekommen. Was aber vor allem daran liegt, dass er so früh so unglaublich gut war. Seit einem Vierteljahrhundert steht Kissin auf der Bühne. Das Faszinierende an ihm ist, dass sich seit jenen Tagen, als er Tschaikowskys b-Moll-Konzert an der Seite Karajans in die Welt schüttete, kaum etwas an seinem Spiel verändert hat. Nur eines: Es ist noch intensiver geworden, farbiger. Es hat die Dimension des Unausweichlichen erreicht. Und darin gibt es sein Vorbild doch relativ deutlich zu erkennen: den großen Emil Gilels.

Wie dieser, so ist auch Kissin ein vor Kraft strotzender Ausdrucksmusiker par excellence, der, um dieses höchste Ziel zu erreichen, nicht selten sogar die Schönheit opfert. Und das sowohl bei Prokofjew (im g-Moll-Konzert stärker noch als im C-Dur-Konzert) wie auch bei Beethoven. Dessen fünf Klavierkonzerte hat Kissin, im Alter von 36, erstmals in ihrer Gesamtheit aufgenommen (mit dem London Symphony Orchestra unter Sir Colin Davis). Da hören wir ihn wieder, den Virtuosen, der seine Pranke in die Tasten schlägt. Das Allegro des Es-Dur-Konzerts etwa gleicht über weite Strecken, insbesondere in der Kadenz zu Beginn dieses Kopfsatzes, einem pianistischen Walkürenritt. Gäbe es ein heroisches Testament, das den Sieg Beethovens über Napoleon bezeugte, hiermit wäre es verfasst.

Doch täte man Kissin Unrecht, würde man ihn auf dieses überschäumende, auftrumpfende, bei einzelnen Akkorden sogar barbarisch anmutende Temperament reduzieren. Nicht nur gebietet er über ein enormes Espressivo in den langsamen Sätzen, so im Adagio des Es-Dur-Konzerts, das von luzider, beinahe weltentfernter Schönheit ist. Eine seiner größten Finessen belebt auch Kissins Beethoven-Interpretationen: extreme Lautstärkenschattierungen, in wenigen Tönen, einem Takt oder einer Phrase, so in der Ces-Dur-Passage des genannten Allegro, aber nicht losgelöst, sondern integrativ, um als Teil einer weiter gefassten Struktur zu funktionieren.

Auf die Spitze getrieben, führt das zu einem ungemein subtilen Eindruck nervöser Unruhe, für die es gerade in den Beethoven-Konzerten Beispiele gibt: So spielt Kissin im Rondo des C-Dur-Konzerts, einem Allegro scherzando, die beiden Sechzehntel des Hauptmotivs äußerst rasch und setzt harsche Akzente auf die Achtel. Auch später, wenn der Seitengedanke in a-Moll erscheint, hören wir herbe sforzati - die Beethoven genauso herb auch vorschreibt. Ähnliches ereignet sich im Rondo des B-Dur-Konzerts, das Kissin noch eiliger angeht, als es die Vortragsbezeichnung Molto allegro nahelegt. Hier betont er die Sforzati auf der zweiten und fünften Achtel des Sechsachteltaktes über Gebühr, derweil er die Begleitung, staccato, wie vorgeschrieben, antreibt.

Daraus resultiert, wie generell bei Kissin, leuchtende Brillanz, die sich beim F-Dur-Gedanken in Hektik verwandelt, sowie eine erhebliche Trennschärfe des Klangbildes, wie sie sich auf faszinierende Weise in der b-Moll-Passage zeigt. Umso überraschter ist man, wenn man Kissins Lesart des G-Dur-Konzerts vernimmt: Im Tempo wie in der Diktion ist schon das Allegro moderato zurückhaltend, trüb, fast tieftraurig.

Und so klingen jene Takte im Finale des g-Moll-Konzerts von Prokofjew. Wie eine Threnodie, wie eine Totenklage. Man hört es, und plötzlich wird es einsam um einen herum. Große Kunst vermag solches zu bewirken.

Sergej Prokofjew: Klavierkonzerte

Nr. 2&3, Kissin, Philharmonia

Orchestra, V. Ashkenazy, EMI Classics.

Ludwig van

Beethoven: Klavierkonzerte, Kissin,

London Symphony

Orchestra, Sir Colin Davis, EMI Classics.

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